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Goldmedia-Kolumne GOLDMEDIALES: Die Netzneutralitäts-Debatte verdient Sachlichkeit!

Vorfahrtsregeln im Netz? – Kaum ein anderes Thema wurde durch die Internet-Gemeinde, Datenschützer oder Verbraucherzentralen in den vergangenen Tagen und Wochen so leidenschaftlich diskutiert wie die Frage der Netzneutraliät. Auslöser für die breite mediale Aufmerksamkeit waren bekanntlich die gemeinsamen Erklärungen von Google und Verizon in den USA, datenintensive Dienste wie bspw. Videos künftig im mobilen Internet zu priorisieren. Google und andere sollen für eine „bevorzugte Behandlung und Durchleitung“  künftig zahlen.  Bislang gilt – zumindest noch in weiten Teilen des Internets – das „Best-Effort-Prinzip“, das allen Datenpaketen auf dem Weg zum Nutzer Chancengleichheit gewährt.

Mathias Birkel, Senior Consultant Goldmedia

Allerdings ist das heutige Internet mit dem von vor zehn Jahren kaum mehr vergleichbar: Der Datenhunger wächst rasant, Videoübertragungen verschlingen immer größere Bandbreiten. Und so ist weder die Debatte um Netzneutralität und Internetfreiheit richtig neu, noch fehlt es an Beispielen dafür, dass das Best-Effort-Prinzip teilweise aufgehoben wird. Hinzu kommt: Bestimmte Dienste sind auch auf garantierte Mindestbandbreiten angewiesen. Die Diskussion bricht nur deshalb so dramatisch und laut hervor, weil sie von einem der Internetgiganten wie Google ausgeht.

Droht nun das Ende der Internet-Freiheit oder beginnt ein notwendiger Dialog um Qualitätsdifferenzierungen und um neue Spielregeln im Internet? Verlief die Debatte anfangs vor allem zwischen Google und den Netzbetreibern, hat sie sich heute verlagert: auf der einen Seite die Konzerne und Anbieter – und auf der anderen die große Internet-Gemeinde, angeführt von engagierten Bloggern rund um den Globus. Irgendwo dazwischen – die Politik mit wachsendem Handlungsbedarf. Die Netzneutralitätsdebatte ist nicht nur als kontroverse Diskussion entbrannt, sie ist eine mit vielen Facetten, mit unterschiedlichen Begriffsdefinitionen, juristischen Herausforderungen und vor allem mit starken wirtschaftlichen Interessen. Goldmedia-Kolumne GOLDMEDIALES: Die Netzneutralitäts-Debatte verdient Sachlichkeit! weiterlesen

Das Ende der Quersubvention von Qualität?

Diskussionsbeitrag zum
Thema Qualitätsjournalismus im Printbereich

Am 7. Juni 2009 konnte man auf den Websites verschiedenster Printmedien folgende Headline eines Artikels lesen: „Frank Schirrmacher erhält Ludwig Börne-Preis.“ Die Unterzeile aber lautete: „Beyoncé hat sich im April mit ihrem neuen Film ´Obsessed´ an die Spitze der Kinocharts gespielt. Der Thriller erinnert stark an ´Eine verhängnisvolle Affäre´“ Der Fließtext stellte dann auch auf die Sängerin Beyoncé und weniger auf den Preisgewinner Schirrmacher ab.

Dr. Klaus Goldhammer
Dr. Klaus Goldhammer

Man könnte über eine solche Petitesse lächeln. Doch problematisch daran war, dass dieser Artikel samt Foto (von Frank Schirrmacher) mindestens, durch Screenshots belegt, auf den Webseiten der Augsburger Allgemeinen, der Berliner Zeitung, des Donaukuriers, der Hamburger Morgenpost, der Märkischen Allgemeinen, der Neuen Osnabrücker Zeitung, der NWZ, der Rhein-Neckar-Zeitung, dem Stern, der Süddeutschen Zeitung, den Westfälischen Nachrichten sowie der Zeit erschien. – Unkontrolliert, unredigiert, unjournalistisch.

Was war geschehen? – Offensichtlich gab es ein Problem im Content Management System der zuliefernden Nachrichtenagentur. Und offensichtlich nutzen zumindest die oben genannten Webseiten der Printmedien diesen Dienst, um die immer gleichen, in diesem Falle erkennbar falschen Nachrichten ohne jede Prüfung auf ihre Seite zu heben. Journalistisch sicher ein Trauerspiel. Der nicht gerade zimperliche Bildblogger Stephan Niggemeier betitelte seinen Beitrag zu dieser Form von Qualitätsjournalismus mit: „Geht sterben!“. Mit solch radikalen Positionen ist aber keinem gedient. Dennoch ist die Frage natürlich erlaubt, wie in Zeiten „knapper Mittel“ Qualität bzw. Qualitätsjournalismus aussehen soll und kann.

Journalismus als Textverarbeitung?

Nic Davies, altgedienter Journalist beim britischen Guardian hat die Lage des (Print-)Journalismus in seinem Buch „Flat Earth News“ 2008 heftig kritisiert. Er schildert eindrücklich, wie wenig Zeit Journalisten heute für die Überprüfung von Daten und Fakten bleibt und wie schnell PR-Berichte und Agenturmeldungen unkontrolliert übernommen werden. Waren es früher drei Artikel, die ein Journalist pro Tag für die Tageszeitung erstellen musste, sind es heute zehn. Ein Redakteur, der täglich zehn Artikel verfassen muss, wird zwangsläufig auf Agenturmeldungen zurückgreifen – von Agenturen, die selbst wieder unter höchstem Zeitdruck eine Vielzahl an Meldungen produzieren. Zeit für Rückfragen oder Recherchen bleibt da schlichtweg nicht mehr. Schirrmacher und Beyoncé kommen dann schon mal  schnell in einem Artikel zusammen. – Journalismus als fehleranfälliges Textverarbeitungssystem?

Ist also der klassische Journalist tatsächlich eine aussterbende Spezies, wie Nick Davies befürchtet? Und ist „Qualitätsjournalismus“ ein Phänomen aus vergangenen Zeiten? Die Antwort lautet: Nein. Der Untergang der abendländischen Printkultur muss trotz aller Probleme fürs Erste nicht befürchtet werden. Vielfach durch Forschung allerdings belegt ist, dass nahezu zwei Drittel aller Nachrichten-Meldungen in Deutschland wie in Großbritannien auf Presseerklärungen und damit auf mundgerechte Zubereitungen durch PR-Agenturen zurückzuführen ist. Wer keine Zeit und kein Geld für eigene Recherchen hat, muss zwangsläufig auf Vorprodukte zurückgreifen. Das Ende der Quersubvention von Qualität? weiterlesen