Google bestreitet, bei der Suche eigene Inhalte zu bevorzugen, Interview mit Kay Oberbeck, Director Communications & Public Affairs Google, in der promedia Februar 2012

Google bestreitet, bei der Suche eigene Inhalte zu bevorzugen

„Es geht um TV & Internet, nicht um TV versus Internet“

Interview mit Kay Oberbeck, Director Communications & Public Affairs für Google Deutschland, Österreich und Schweiz, Mitglied der Geschäftsleitung

Nachdem Google mit seiner Web-TV-Plattform im vergangenen Jahr viel Kritik und einige Rückschläge in Form von abtrünnigen Partnerfirmen einstecken musste, nahm Google TV jüngst auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas einen neuen Anlauf: Die bisherigen Hardwarepartner Sony und Vizio haben auf der wichtigsten Consumer-Electronics-Messe neue Geräte für den US-Markt vorgestellt. Mit LG und Samsung hat sich Google zudem weitere Unterstützer ins Boot geholt. LG will Informationen von „CNet“ zufolge Google-TV-Funktionen in sein eigenes Smart-TV-Interface integrieren. Noch in diesem Jahr soll Google TV auch in Europa angeboten werden.

Kay Oberbeck, Director Communications & Public Affairs Google Deutschland, Österreich und Schweiz
Kay Oberbeck, Google

promedia: Google TV soll 2012 auch nach Deutschland kommen. Müssen die TV-Sender sich Sorgen machen, dass Ihnen hier Konkurrenz droht?

Kay Oberbeck: Bei„Google TV handelt sich gerade nicht um „Fernsehen“, sondern um ein Betriebssystem für Set-Top Boxen und interaktive TV Geräte, das auf drei Komponenten basiert: Dem Android Betriebssystem, dem Chrome-Browser und Flash als Codec für die Video-Wiedergabe. Also nicht unähnlich dem Ansatz, den wir vor wenigen Jahren mit der Entwicklung von Android als Plattform für mobile Endgeräte erfolgreich eingeführt haben. Google TV bedarf einer Set-top Box und dem geeigneten Bildschirm. In Europa wollen wir damit in diesem Jahr an den Start gehen. Welche Länder wann dazu gehören werden, ist noch nicht abschließend geklärt.

promedia: Man liest, dass Sie in Google TV Werbung platzieren wollen, die dann den TV-Sendern verloren geht. Werden die Sender an den Erlösen beteiligt?

Kay Oberbeck: Die Ihrer Frage zugrunde liegende These geht fehl. Google TV schaltet keine Werbung rund um fremde Inhalte. Das TV Signal wird schlicht durchgeschaltet und wie bisher auf dem Smart TV dargestellt. Die Plattform ermöglicht dagegen ebenso die Darstellbarkeit von Webinhalten auf dem besten Bildschirm im Haus. Damit bringt Google TV das TV- und Internet-Erlebnis zusammen auf den Bildschirm und erleichtert gleichzeitig die Auffindbarkeit von Inhalten in einer immer unübersichtlicheren Programmwelt. Damit werden zusätzliche Konsumenten angesprochen, neue Erlösmodelle eröffnet und mehr Innovation auf den heimischen Bildschirm gebracht. Oder auf eine kurze Formel gebracht: Es geht um TV & Internet, nicht um TV versus In- ternet.

promedia: Google hat angekündigt 100 Mio. Euro für den Ankauf von Senderechten bereit zu stellen. Bedeutet das, dass Sie künftig TV-Produktionen in Auftrag geben werden, von denen auch deutsche Produzenten profitieren können?

Kay Oberbeck: Es geht hier nicht um Senderechte, sondern wir wollen mit Projekten wie diesen professionelle Inhalteanbieter, Produzenten ermutigen, hoch qualitativen Content für Web-Plattformen wie YouTube zu erstellen. In einer anderen Initiative – “NextUp” – unterstützen wir junge, private Anbieter dabei, dass sie ihre eigenen Web-Clips professionalisieren und so ihre Community auf YouTube vergrößern – und dabei Ihre Umsätze als YouTube Partner erweitern können. Durch das Web ergeben sich für alle immense Möglichkeiten: mehr Reichweite, zusätzlicher Umsatz, effektives Rechtemanagment sowie direkte Resonanzmessung und Feedback durch die Nutzer. YouTube kann dabei helfen, dass mehr und hochwertige Inhalte erstellt werden – und Produzenten jeglicher Couleur dazu in die Lage versetzen, sich von einer Position als B2B-Anbieter in die des Broadcasters zu entwickeln. Ganz zu schweigen von den Umsatz-Potenzialen im Musikvideo-Bereich, so wie das auf YouTube andernorts in Europa überall erfolgt – nur bislang in Deutschland aufgrund der starren Haltung der Gema nicht, die sich damit im internationalen Vergleich isoliert.

promedia: In Deutschland sind wichtige Medienbereiche, wie der Rundfunk, reguliert. Wie sehr macht Ihnen diese „deutsche Ordnung“ zu schaffen?

Kay Oberbeck: Für Technologieunternehmen wie Google findet die Rundfunkregulierung bekanntermaßen keine Anwendung. Zugleich sind wir sehr wohl Anbieter in einem kulturellen Rahmen, dem auch wir uns selbstverständlich verpflichtet sehen. Dazu gehört zum Beispiel der Datenschutz, der uns sicher auch vor Herausforderungen stellt, den wir jedoch nicht zuletzt mit unserem Münchner Entwicklungszentrum für Datenschutz-Produkte zum weltweiten Einsatz stark vorantreiben – und das branchenweit. Ungeachtet dessen muss man bei der in Deutschland herrschenden Regulierungsdichte sicherlich im Auge behalten, dass sie sich nicht innovationshemmend auswirkt und hier tätige Akteuere gegenüber jenen im Ausland nicht benachteiligt werden.

promedia: 2012 soll das Medienkonzentrationsrecht novelliert und dabei soll auch die Rolle der Online-Suchmaschinen bei der Meinungsbildung beleuchtet werden. Wie relevant ist das für Sie?

Kay Oberbeck: Die Vorsitzende der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, Prof. Dr. Insa Sjurts, hat klar gemacht, dass Google als Informationsbereitsteller nicht unter das Medienkonzentrationsrecht fällt. Als inhalte- und meinungsagnostischer Aggregator betreiben wir de facto keine Meinungsbildung. Unsere Funktion ist eine komplett andere – nämlich die Bereitstellung von Suchergebnissen.

promedia: Es gibt aber immer wieder den Vorwurf, dass bei der Suche eigene Angebote von Google bevorzugt werden?

Kay Oberbeck: Derlei Kritik gibt es, auch von dem Wettbewerber Microsoft, dem Microsoft-Tochterunternehmen Ciao oder der iComp-Organisation, die von Microsoft finanziert wird. Auf europäischer Ebene gibt es entsprechende formelle Untersuchungen. Zum häufig ins Feld geführten Missverständnis dabei: Unser Service besteht in der so genannten “Universal Search” — dabei handelt es sich jedoch nicht um dedizierten “Google content”, der “bevorzugt” würde. Vor diesem Hintergrund experimentieren wir mit neuen Lösungen mit dem Fokus auf Qualität und Relevanz, um unseren Nutzern die bestmögliche Antwort auf ihre Fragen zu geben Zum Beispiel liefert unsere Suchmaschine die konkrete Frage auf eine Antwort, wenn sie davon auszugeht, dass ein Nutzer eben dieses erwartet – anstelle einer Liste mit „blauen Links „. Diese direkten Antworten sind auch als “Oneboxes” bekannt. Sie werden bei klaren Antworten gegeben, zum Beispiel dem Wetter, mathematischen Kalkulationen, Aktienkursen, Sportergebnissen und dergleichen. Microsoft’s Bing und Yahoo! zeigen genauso ähnliche “Oneboxes” prominent in ihren Suchergebnissen an, was Ausdruck der Überzeugung ist, dass solche Ergebnisse den Nutzern weiterhelfen.

promedia: Wie sehr kann die Suche durch Einstellungen von Google „manipuliert“ werden?

Kay Oberbeck: Niemals ergreifen wir Maßnahmen, um aus Wettbewerbs-Gründen bestimmte Websites zu schaden. Die Qualitäts-Systeme für die Suche und Anzeigen arbeiten ohne Ansehen darauf, ob eine Seite mit Google konkurriert, sondern rein auf der Basis, was nützlich für die Nutzer ist. Suchergebnisse werden nach der Maßgabe ermittelt, den Nutzern die besten Antworten zu liefern. Wir bauen Google für Verbraucher, nicht für Websites. Uns ist bewusst, dass es nicht die objektiv richtige Antwort auf die meisten Fragen gibt – gleichzeitig sehen wir, das Nutzer mit einem einfachen Klick zu einem anderen Wettbewerber wechseln würden, wenn wir ihnen nicht die bestmöglichen Suchergebnisse liefern. Das impliziert, dass nicht jede Website an erster Stelle der Ergebnisse stehen kann oder gar auf der ersten Suchergebnisseite erscheint. Insofern wird es immer Anbieter von Websites geben, die unglücklich über ihre Einordnung sind. Das Wichtigste ist, dass wir unsere Nutzer zufriedenstellen.

promedia: Sie waren gegen ein Leistungsschutzrecht für Printverlage. Hat sich Ihre Haltung inzwischen geändert, nachdem Ihnen ja anscheinend keine Einschränkungen drohen?

Kay Oberbeck: Ganz im Gegenteil. Wir haben kein Verständnis für derartige Pläne, da die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht jeder sachlichen, wirtschaftlichen und juristischen Grundlage entbehrt. Dieser Standpunkt trifft auf breite Zustimmung: Der BDI Bundesverband der Deutschen Industrie und 28 weitere Industrieverbände lehnen ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger rigoros ab. Auch geht in dieser Frage ein Riss durchs Parlament. Kein Wunder: Ein Leistungsschutzrecht würde massiv der deutschen Wirtschaft schaden, eine Gefahr für die Informationsfreiheit darstellen und den Wettbewerb in Deutschland zurückwerfen. Wir halten es stattdessen für essentiell, dass Verlage marktgerechte Lösungen für den Erfolg im Internet finden, statt eine pauschale de facto-Zwangsabgabe für gewerbliche Internetnutzer und damit eine Quersubventionierung der Verlage durch andere Industriezweige zu fordern.

promedia: Es gibt ihrerseits Angebote an die Verlage zur Kooperationen. Können Sie bitte den aktuellen Stand zusammenfassen.

Kay Oberbeck: Google ist einer der wichtigsten Partner für viele Verlage im Internet. Allein in 2010 haben wir über das AdSense-Werbeprogramm mehr als 6 Milliarden US-Dollar an unsere Publishing-Partner ausgeschüttet. Darüber hinaus leiten wir über unsere Plattformen wie Google News Monat für Monat weltweit vier Milliarden Clicks auf Verlagsangebote weiter. Umgerechnet sind das für die Verlage 100.000 Möglichkeiten pro Minute, um Nutzer für ihre kostenpflichtigen Angebote zu begeistern oder mittels Werbeeinblendungen Umsätze zu generieren. Hierfür verlangen wir keinen Cent von den News-Anbietern. Wir wenden Milliarden-Investitionen auf, um derartige Services und Plattformen überhaupt erst anbieten und unterhalten zu können. Gleichzeitig haben wir starkes Interesse daran, gemeinsam mit Verlagen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gerade aus diesem Grunde gibt es eine Bezahlplattform wie Googl e OnePass, das wir mit den Initialpartnern Axel Springer, dem “Stern” von Gruner+Jahr und Burda´s Tomorrow Focus entwickelt und letztes Jahr global gestartet haben. Oder ein Angebot bei Google News wie “Redaktionsempfehlungen”, das Verlagen und ihren Medienmarken täglich neu die Möglichkeit bietet, den Google-Nutzern eine eigene Auswahl an Artikeln zu präsentieren. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

promedia: Die Contentwirtschaft fordert einen besseren Schutz des Urheberrechts in der Online-Welt. Was kann Google dazu leisten?

Kay Oberbeck: Wie viele Technologie-Unternehmen glauben wir daran, dass es ausgeklügelte, gezielte Maßnahmen gibt, um Sites mit verbrecherischen Absichten unschädlich zu machen. Im vergangenen Jahr haben wir fünf Millionen rechtsverletzende Webseiten aus unseren Suchresultaten entfernt und mehr als 60 Millionen Dollar in den Kampf gegen mißbräuchliche Anzeigen investiert. Gleichzeitig investieren wir vehement in den Schutz der Urheber – so haben wir mehr als 50,000 Entwicklerstunden und 30 Millionen Dollar in die Entwicklung unserer “Content ID” Technologie investiert. Mit dem System kontrollieren derzeit mehr als 2,000 Medien-Partner ihre über 120 Millionen Videodateien bei YouTube – und können damit selbst bestimmen, was mit den ihre Rechte betreffenden Uploads auf der Plattform geschehen soll. Die meisten entscheiden sich im Übrigen für die Variante, Werbeeinblendungen in derartige Uploads einbinden zu lassen, so dass sie zusätzliche Umsätze generieren. Auf diese Weise können technische Möglichkeiten zum Schutz vor Urheberechtsverletzungen auch direkt zum Umsatzwachstum beitragen.

Über Kay Oberbeck

  • Geboren 1967
  • Studium Betriebswirtschaftslehre und Angewandte Kulturwissenschaften
  • 1994 – 2000 stellv. Leiter Information und Öffentlichkeitsarbeit bei der Axel Springer AG
  • 2000 – 2003 Unternehmenssprecher Verlagsgruppe Milchstrasse und Tomorrow Focus
  • 2003 – 2006 Direktor Communications von Lycos Europe
  • Seit 2006 Director Communications & Public Affairs für Google Deutschland, Österreich und Schweiz

Artikel in der promedia Februar 2012

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