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Anhebung der Drosselgrenze: Mobile Nutzung von Audiostreams steigt auch ohne Zero-Rating

07.12.2016. In den letzten Jahren fokussierte sich die Produktpolitik der Mobilfunkunternehmen darauf, Mobilfunkverträge mit unterschiedlichen Datenvolumenpaketen anzubieten, die mit der zunehmenden mobilen Datennutzung regelmäßig angepasst wurden. Mit dem Angebot o2 Free von Telefónica können Musikstreaming-Dienste in Deutschland jetzt auch nach Überschreiten des Datenvolumens weitergenutzt werden. Die gedrosselte mobile Datenrate von bis zu 1 Mbit/s ermöglicht den Abruf von Audiostreams selbst in höchster Qualität mit 320 Kilobit pro Sekunde (Kbit/s). Die Nutzung von Audio im Internet wird immer mehr über mobile Endgeräte außerhalb von WLAN-Zonen erfolgen. Und die Mobilfunker werden durch ihre Tarifpolitik darauf reagieren.

Dr. André Wiegand, Geschäftsführer Goldmedia

Dr. André Wiegand, Geschäftsführer Goldmedia

Mit der Einführung von Flatrates zur Nutzung ausgesuchter Musikdienste stoßen die Mobilfunker nach vielen Jahren wieder in den Dienstebereich vor. Vorreiter war bereits 2012 die Deutsche Telekom, die eine spezielle Spotify-Flatrate einführte. Das ursprüngliche Angebot ermöglichte den durchgängigen mobilen Empfang von Spotify, auch wenn der Nutzer das vertraglich inkludierte Datenvolumen aufgebraucht hatte und von LTE-Geschwindigkeit auf 64 Kbit/s gedrosselt wurde. „Zero-Rating“ war das Stichwort. Mit Inkrafttreten der EU-Verordnung zum Digital Single Market und ihren Vorgaben zur Netzneutralität in diesem Jahr hat die Deutsche Telekom diese technische Diskriminierung aufgehoben. Die Drosselung gilt nach Überschreiten des Datenvolumens nun auch für Spotify.

Exklusive Vertriebspartnerschaften zwischen einem Mobilfunknetzbetreiber und einem Streaming-Dienst sind im Sinne der Vertragsfreiheit jedoch weiterhin möglich. Auf dieser Basis zogen Vodafone und Telefónica nach und vermarkten seit mehreren Monaten die Musikdienste ihrer Exklusivpartner Deezer und Napster – allerdings ohne Flatrate.

Telefónica löst nun in einem seit vielen Jahren zementierten deutschen Mobilfunkmarkt die Datenschraube und hebt die Drosselung der mobilen Datenanbindung auf ein Niveau, auf dem jeder Musikstreaming-Dienst weiter funktioniert.

Damit bedient Telefónica einen klaren Trend: Der aktuelle Webradio-monitor 2016 (BLM/BVDW/VPRT/Goldmedia) zeigt, dass rund 50 Prozent der gesamten Musiknutzung über das Internet erfolgt und 80 Prozent der Online-Audio-Nutzer die Dienste über mobile Endgeräte empfangen. Der Webradiomonitor belegt aber auch, dass die Nutzung aufgrund der Datenvolumenbegrenzung im Mobilfunk zum Großteil im heimischen WLAN-Netz stattfindet. Begrenzte Datenvolumen sind daher aus Sicht der Plattformbetreiber eine wesentliche Hemmschwelle für ein weiteres Marktwachstum.grafik-goldmedia-trendmonitor-2017_online-audio-mobil_rand

Ist Deutschland mit dem Telefónica-Angebot auf dem Weg zu offenen Streaming-Flatrates auch für Videoangebote? In den USA stellt T-Mobile US im Basispaket unter den Marken „Music Freedom“ und „BingeOn“ ohne Zusatzkosten fast alle relevanten Audio- und Video-Streaming-Angebote bereit (Hörfunksender, TV-Sender, Catch-Up-TV, Podcasts, kostenpflichtige Streaming-Angebote und auch YouTube) in reduzierter Bildqualität ohne Anrechnung auf die Datenrate. Mit dieser aggressiven Preispolitik konnte T-Mobile US am Anbieter Sprint vorbeiziehen und sich als Nummer 3 im US-Markt nach AT&T und Verizon positionieren.

Oder werden wir bald diensteunabhängige Mobilfunkflatrates wie in Dänemark oder Irland oder Volumenpakete im zweistelligen Gigabyte-Bereich wie in Frankreich oder Großbritannien sehen? Wohl kaum. In Deutschland sind solche Angebote unter den hiesigen Wettbewerbsverhältnissen nicht wahrscheinlich. Die Möglichkeit, unbegrenzt mobil Videoinhalte zu nutzen, zählt zwar auch hier zu den attraktivsten Angeboten, die ein Mobilfunbetreiber machen könnte. Allerdings besteht durch die ausgeglichene Aufteilung des Mobilfunkmarktes auf drei Netzbetreiber ein verhältnismäßig geringer Wettbewerbsdruck. Keiner der Anbieter muss so stark wachsen, dass er den heiligen Gral der Datenvolumenbegrenzung opfern würde.

Während man im Festnetzgeschäft die Uhr für Flatrates wohl nicht mehr zurückdrehen kann, wird das Geschäftsmodell kostenpflichtiger Datenvolumen im Mobilfunk in Deutschland weiterhin verteidigt.

Das Angebot von o2 (Telefónica) öffnet die Tür zu mobilen Flatrates nur wenige Millimeter. Es zielt auf jüngere musikaffine Zielgruppen, die günstige, d.h. kleine Datenvolumenpakete, buchen und wenig Bereitschaft zeigen, Datenvolumen im laufenden Monat nachzukaufen. Damit wird es, anders als bei T-Mobile US, zu keiner signifikanten Marktanteilsverschiebung kommen. Diese Einschätzung teilt die Deutsche Telekom. Sie hat seit August 2016 die Datenflatrate für neue Nutzer des Spotify-Dienstes gestrichen und bietet auch die im September neu gestartete Kooperation mit Apple Music ohne Flatrate an. Beide Dienste zielen demnach auf Mobilfunkkunden, die Datenvolumenverträge ab 3GB nutzen. Mit der massiven Vermarktungsunterstützung der Mobilfunker wird die mobile Nutzung der Musikdienste aber auch ohne Flatrates deutlich ansteigen. Schließlich kann man selbst mit nur 1GB Datenvolumen im Monat über 300 Songs streamen.

P.S. Ein anderes, in den USA bereits etabliertes Geschäftsmodell hat kurzfristig in Deutschland viel größere Chancen: das Sponsoring der Datenraten bzw. das Auffüllen des Datenvolumens (Data Rewards) für die Nutzung einzelner Video-Inhalte und Dienste. In beiden Fällen bezahlt die werbungtreibende Industrie den Mobilfunkunternehmen das von den Kunden verbrauchte oder hinzugewonnene Datenvolumen. Die vollständige Kostenübernahme für einen ganzen Dienst wäre auf Basis der aktuellen Preise jedoch weder für die werbungtreibende Industrie noch für die Inhalteanbieter bezahlbar.

Dr. André Wiegand, Geschäftsführer Goldmedia

Der Artikel ist Teil des Goldmedia Trendmonitors 2017. Goldmedia gibt im Trendmonitor alljährlich in Form von Analysten-Kommentaren einen Ausblick auf relevante Trends in den Bereichen Medien, Internet und Telekommunikation des kommenden Jahres in Deutschland. www.Goldmedia.com

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