Trendmonitor 2016. In-Car-Entertainment verändert die Mediennutzung. Trend-Ausblick von Eduard Scholl

Die letzte Bastion des klassischen Hörfunks fällt: In-Car-Entertainment verändert die Mediennutzung

[04.12.2015] Die digitale Vernetzung des Autos schreitet voran: Laut Verband der Automobilindustrie (VDA) werden 2016 bereits 80 Prozent der Neufahrzeuge in Deutschland eine Internetverbindung haben. Bis zum Jahr 2020 werden rund 16 Millionen solcher ‚Connected Cars’ auf den Straßen unterwegs sein (Goldmedia). Wie Nutzeranalysen zeigen, ist dabei Musik-Streaming inzwischen das meistgewünschte Feature im vernetzten Auto. So werden In-Car-Technologien und Entertainment-Angebote zunehmend ein wichtiges Kriterium bei der Kaufentscheidung. Denn wer „Always On“ sein will, möchte beim Schließen der Fahrzeugtür nicht seinen normalen Medienkonsum aufgeben. Das beobachtet die Automobilbranche sehr genau und sorgt aktuell dafür, dass das Smartphone seinen Weg auf die Head Units findet.

Eduard Scholl, Goldmedia
Eduard Scholl, Consultant Goldmedia

So lassen sich etwa bei Fords proprietärem System SYNC die Inhalte des Smartphones auf die Mittelkonsole des Autos spiegeln. Die Verbindung zum Datennetz erfolgt über das (per Bluetooth oder Kabel) verbundene Mobilgerät. Die Steuerung der kompatiblen Apps läuft per Touchscreen, über die Bedienelemente am Steuer oder per Sprachbefehl. Opel geht mit seinem Service OnStar noch einen Schritt weiter und integriert LTE-Empfang und WLAN-Hotspot gleich in das Fahrzeug, inklusive eigener Apps.

Die Vernetzung des Autos wirbelt die Wertschöpfung in der Automobilbranche gehörig durcheinander und lässt gewichtige neue Player in den Markt treten – allen voran das Silicon Valley: Mit CarPlay und Android Auto bringen Apple und Google ihre Betriebssysteme in die Autos und die Apps via Smartphone auf die Autodisplays. Klar ist, dass die beiden sich mit einer bloßen Dienstleistungslösung als OTT-Service auf Dauer nicht zufrieden geben dürften. Langfristig wird Android als eigenständiges Auto-Betriebssystem ab Werk auf der Infotainment-Hardware landen.

Auch für das klassische Radio wird es langsam eng. Einst unangefochtener und treuer Begleiter des Autofahrers bei Stau und Regen und der täglichen Fahrt zur Arbeit, machen sich inzwischen neue digitale Anbieter breit: Längst haben sich Streaming-Dienste wie Spotify, TuneIn oder Aupeo einen Platz im App-Ensemble der Head Units im Auto gesichert. Sie liefern dabei einen Vorgeschmack auf die Audionutzung im Auto der Zukunft: on demand, kontextabhängig und personalisiert.

Hat die Plattform-Logik erst einmal die Entertainment-Systeme der Hersteller in größerem Stile erreicht, wird sie eine disruptive Kraft erzeugen. Denn die Services ergänzen das klassische Autoradio nicht nur, sondern ersetzen es zunehmend: Allein TuneIn bündelt mit seinem Dienst 60.000 Radiostationen. Hinzu kommen Services wie Navigations-Apps mit aktuellen Staumeldungen, News aus sozialen Netzwerken oder Empfehlungen zu Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Kurz gesagt: Die Verbraucher können ihr gewohntes mobiles Nutzungsverhalten ganz einfach im Auto weiter ausleben.

Aber noch ist die erzielte Reichweite im Auto für die klassischen Programmanbieter eine Burg: 44 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung hört täglich im Auto Radio (ma 2015 Radio I), und während der CD-Player bereits wieder aus den Entertainment-Systemen der Hersteller verschwunden ist, liegt das Radio bei der Audionutzung unangefochten an der Spitze. Doch Google, Spotify und Co. arbeiten aktiv daran, auch diese letzte Bastion zu stürmen.

Eduard Scholl, Consultant Goldmedia

Der Artikel ist Teil des Goldmedia Trendmonitors 2016. Goldmedia gibt im Trendmonitor alljährlich in Form von Analysten-Kommentaren einen Ausblick auf relevante Trends in den Bereichen Medien, Internet und Telekommunikation des kommenden Jahres in Deutschland.

Der Beitrag wurde bei kress.de als Gastbeitrag am 04.12.2015 erstveröffentlicht.

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