Mathias Birkel, Senior Manager Goldmedia

Trendmonitor 2016. “Back to live” – Live-Videos im Internet werden 2016 boomen. Trend-Ausblick von Mathias Birkel

Mathias Birkel, Senior Manager Goldmedia
Mathias Birkel, Senior Manager Goldmedia

[03.12.2015] Medienkonsum im Internet, das bedeutet vor allem Aktualität, Interaktivität und Zeitunabhängigkeit: Online werden Video- und Audiostreams abgerufen, wo und wann immer der Nutzer es will. Das Ende des Programmschemas. Umso mehr überrascht der Trend, dass ein wachsender Teil der Online-Nutzung sich wieder Angeboten zuwendet, die live und damit jeweils einmalig, weil zeitabhängig sind. Live-Streaming wird zum neuen Mainstream.

Die weltgrößte Plattform für Live-Video-Streams ist derzeit Twitch. Die Amazon-Tochter bedient monatlich über 100 Mio. Nutzer, die im Schnitt täglich mehr als 100 Minuten die Streams von rund 1,7 Mio. Anbietern anschauen. Das mit Abstand wichtigste Format auf Twitch ist dabei das Social Video Gaming, eine Live-Version der beliebten „Let’s Play“-Videos, bei denen Gamer sich beim Spielen quasi über die Schulter schauen lassen und dabei Abonnentenzahlen zum Teil in Millionenhöhe erreichen. Anders als auf YouTube ist bei den Livestreams auf Twitch dabei eine unmittelbare Interaktion zwischen dem Sendenden und seinen Zuschauern möglich. Live-Chat-Kommentare werden direkt aufgegriffen und so Teil des medialen Erlebnisses.

Zu den prominentesten deutschen „Twitchern“ gehört das Team von Rocket Beans. Sie waren Ende 2014 zwar keinesfalls die ersten, die den Weg aus dem klassischen TV ins Netz gegangen sind. Aber, sie sind wohl die ersten in Deutschland, die auf den Faktor „Live“ als elementaren Baustein für ein plattformübergreifendes Angebot setzen. Und das mit Erfolg: Mittlerweile folgen über 200.000 Nutzer dem Rocket Beans-Stream auf Twitch, dessen Inhalte im Bereich Popkultur und Humor angesiedelt sind.

Auch Amazon selbst mischt beim Thema Live-Streaming kräftig mit und nutzt Twitch u.a. für die Promotion seines Instant Video-Angebots. So veranstaltete Rocket Beans Anfang November 2015 ein Social Viewing Event für die neue Amazon-Serie „Wayward Pines“. Parallel zur Ausstrahlung konnte man sich die Kommentare der Rocket Beans-Moderatoren anhören und dabei parallel via Chat kommentieren.

Twitch lässt aber auch alte Fernsehklassiker wieder auferstehen. Ein gutes Beispiel ist der neuntägige Bob-Ross-Dauermarathon, der im Oktober 2015 auf Twitch zu sehen war. Dabei wurde das über 200 Stunden Malerei-Lehrvideos umfassende Fernsehlebenswerk des englischen Kult-Malers am Stück ausgestrahlt und erreichte insgesamt mehr als fünf Mio. Nutzer – bis zu 180.000 parallel. Twitch weihte damit seine neue „Kreativ“-Sektion ein. So wird Live-Streaming 2016 auch abseits von Gaming-Nerds neue Zielgruppen erreichen.

Der Erfolg dieser neuen Formate zeigt, dass die vielzitierte Lagerfeuerfunktion des Fernsehens offensichtlich nicht ausgedient hat und auch im Internet ein wichtiges Nutzungs-motiv bleibt. Die Zuschauer wollen live Geschichten erleben. Derzeit mögen es noch Nischenthemen wie Let’s Play oder Bob Ross sein. Doch letztlich wird Live-Video-Streaming zum interaktiven Social TV in Reinform. Hinzu kommt, dass die einstigen Konsumenten durch den Live-Streaming-Trend Plattformen und Technologien in die Hand bekommen, die noch vor wenigen Jahren allein großen Rundfunkunternehmen vorbehalten waren – und plötzlich alle nur denkbaren Inhalte live gestreamt werden können.

Live-Streaming kommt deshalb aus der Nische und wird zum großen Thema in 2016: Denn auch andere Große der Branche fördern die Entwicklung mit Kräften: Twitter setzt auf Periscope, mit dem mobiles Live-Video-Streaming für jedermann möglich wird. Meerkat und Bambuser bieten ähnliches. Und auch Video-Marktführer YouTube wird das Live-Segment nicht den anderen überlassen und startet mit YouTube Gaming eine auf Videospiele fokussierte Plattform, die neben den üblichen On-Demand-Videos auch Livestreams anbietet. Nicht zuletzt machen Plattformen wie YouNow ihren Namen zum Programm: Jeder kann jederzeit ohne jeglichen Aufwand Live-Videos über das Internet für alle bereitstellen. TV-Sender sind damit auch für Live-Content längst nicht mehr die einzigen Broadcaster.

Mathias Birkel, Senior Manager Goldmedia

Der Artikel ist Teil des Goldmedia Trendmonitors 2016. Goldmedia gibt darin alljährlich in Form von Analysten-Kommentaren einen Ausblick auf relevante Trends in den Bereichen Medien, Internet und Telekommunikation des kommenden Jahres in Deutschland.

Der Beitrag wurde bei kress.de als Gastbeitrag am 03.12.2015 erstveröffentlicht.

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