Goldmedia-Kolumne: Suchen statt Zappen: Google startet eigene Hybrid-TV-Lösung

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Wenn jetzt in Südafrika der Ball rollt, dürften einige Fußballfans mit Laptop vor dem Fernseher sitzen, um ihre Twitter- und Facebook-Feeds im Auge zu behalten. Schon knapp ein Fünftel der Deutschen surft parallel zum Fernsehen regelmäßig im Netz (EIAA 2009). Aber schon bald könnte der Laptop wieder von der Couch verschwinden: Hybrid-TVs bringen Internetinhalte auf den Fernseh-Bildschirm und wollen den Computer im Wohnzimmer überflüssig machen.

Mathias Birkel, Senior Consultant Goldmedia

Ende Mai präsentierten nun die Google-Ingenieure ihre Vision für einen Fernseher mit Internetanschluss. Was dazu bislang bekannt ist: Google TV soll auf Grundlage des Handy-Betriebsprogramms Android laufen. Damit kann man sich Apps aus Googles Android Market nicht mehr nur auf das Handy, sondern auch auf den Fernseher holen. Und: Google hat sich prominente Partner gesucht. Sony stellt entsprechend ausgestatte TV-Geräte her, Logitech wird eine Set-Top-Box und weiteres Zubehör verkaufen. Intel liefert die Prozessoren, damit die Software flüssig läuft. Ab Herbst 2010 sollen die Geräte in den US-Handel kommen. Einen Starttermin für Europa jedoch hält Google ebenso noch geheim wie den Preis.

Google hat den PC erobert, versucht gleiches mit dem Handy und hat nun das Wohnzimmer im Visier. Google TV ist eine Wette auf die geänderten Ansprüche der Fernsehzuschauer. Videos und Fernsehinhalte zählen im Web eindeutig zu den beliebtesten Angeboten. Frei von Sendeplänen können sich die Nutzer ihr Programm selbst zusammenstellen.

Auf dem Fernseher allerdings ist das Web bislang nie wirklich angekommen. Hier dominiert weiter die passive Popcorn-Haltung: Zurücklehnen und berieseln lassen. Gescheiterte Versuche, mit dem Internet ins Wohnzimmer einzuziehen und den Fernseher zu erobern, gibt es reichlich: Aber weder Microsofts Media Center noch Apple TV haben es bislang wirklich geschafft.

Google hält die Ära des passiven Fernsehzuschauers offenbar für beendet. Die zentrale Funktion von Google TV ist folgerichtig auch die Suche – nicht das Zappen. Statt von Kanal zu Kanal zu springen oder sich durch lange Programmlisten zu wühlen, können die Nutzer ihre Lieblingsprogramme „ergoogeln“ und so ganz einfach aus Internet und TV herausfiltern. „Die Simpsons“ einmal eingetippt und schon springt Homer über den Bildschirm. Das verspricht Google und setzt damit auf die schon häufig proklamierte Lust der Nutzer, als eigene Programmchefs aufzutreten.

Aber setzt Google auch auf den richtigen Zeitpunkt? Videoportale wie Hulu haben gezeigt, dass sich das Fernseherlebnis erfolgreich auf den Computerbildschirm transportieren lässt. Dennoch bleibt die Frage: Wollen die Nutzer ihre Fernsehgewohnheiten tatsächlich ändern? Die erfolgreiche  Durchsetzung hängt ja weniger an der technischen Umsetzung – gleichwohl die natürlich trotzdem stimmig sein muss – als vielmehr am Wandel der gewohnten Fernsehpraxis.

Nur wenn der Wunsch nach mehr Interaktivität und Kontrolle auf dem Fernsehbildschirm tatsächlich zunimmt, kann Google TV die kritische Masse erreichen, die es für den Erfolg als Plattform benötigt. Google wäre aber nicht Google, wenn der Internetriese es nicht versuchen würde, sich als Motor für die Umwandlung des alten Flimmerkastens in ein partizipatives Lean-Forward-Medium zu positionieren.

Wie aber ist die Wirklichkeit jenseits der Software-Schmiede in Mountain View? Bis Ende 2010 sollen lt. GfK bereits zwei Mio. hybride Fernseher in deutschen Haushalten stehen, aber in vielen Fällen schlummert die Internet-Anbindung der Fernseher vor sich hin. Lediglich die Hälfte aller Hybrid-Fernseher wird tatsächlich ans Internet angeschlossen und davon wiederum nur ein Teil regelmäßig zum Abruf von Internetinhalten genutzt. Die Konsumenten wünschen sich zwar mehr Internet-Features – fast ein Viertel möchte den Fernseher zum Surfen im Web nutzen, aber es tun bislang nur wenige.

Bis zur Revolution im Wohnzimmer ist es also noch ein langer Weg – und der  Laptop wird bei der nächsten Fußball WM 2014 in Brasilien sicher noch in vielen Haushalten seinen Stammplatz auf der Couch behalten.

Autor: Mathias Birkel, Consultant Goldmedia GmbH

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