Castingshows im Test. Goldmedia-Experte Dr. Mathias Wierth im Interview mit der W&V

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Dr. Mathias Wierth, Partner Goldmedia

In der W & V 33/2015 kamen Castingshows im deutschen Fernsehen auf den Prüfstand. Was läuft noch, was nicht mehr? Welche neuen Strategien und Konzepte verfolgen die Sender? Der W&V-Autorin Lisa Priller-Gebhardt gab dazu Goldmedia-Experte Dr. Mathias Wierth ein Interview.

W&V: Bei den Flaggschiffen wie DSDS und Topmodel kam es zuletzt zu Zuschauerverlusten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Mathias Wierth: Hauptsächlich dürften zwei Dinge dafür verantwortlich sein: Erstens der bekannte Formatzyklus und zweitens Diskussionen um die „Echtheit“ besonders dieser beiden Flaggschiffe. Formate sind Lebenszyklen unterworfen und bieten irgendwann zu wenig neu Erlebbares – Gameshows mussten diese Erfahrung schon machen. Zweifel an der Echtheit gab es in den letzten Jahren zunehmend an beiden Shows, siehe die DSDS-Parkplatz-Show, in der das Publikum live über ein Event entscheiden sollte, der bereits zwei Wochen vorher aufgezeichnet war. So etwas untergräbt grundsätzlich das Konzept, dass Castingshows als echt und real wahrgenommen werden.

W&V: Dennoch liegen die Quoten meist über Senderschnitt. Warum sind die Shows weiter Publikumsmagneten?

Mathias Wierth: Das Gros der Zuschauer möchte sich auf etwas verlassen können und gleichzeitig Neues erleben. Das Publikum weiß, was es von DSDS und Topmodel erwarten kann, gleichzeitig hat es immer wieder Änderungen in der Jury und am Konzept gegeben. Noch immer haben die Shows viel zu bieten: Sich mit Kandidaten identifizieren und die Traumreise vom Star-Werden stellvertretend miterleben zu können; sich abgrenzen, lästern und damit sich den typischen „Freaks“ überlegen fühlen können; die Möglichkeit sich zu orientieren, seine Einschätzungen mit denen der prominenten Jury abzugleichen. Dass es als real empfunden wird, steigert noch die Nähe zum Zuschauer.

W&V: Mangelt es an anderen Ideen bei den Sendern?

Mathias Wierth: Ich glaube, dass es bei den Sendern weniger an Ideen als an Notwendigkeit und Risikobereitschaft mangelt. Solange diese Shows deutlich über dem Senderschnitt laufen, besteht keine akute Notwendigkeit einer Neuerfindung. Und dass das Risiko real ist, hat „Rising Star“ deutlich gezeigt.

W&V: Die letzte Staffel von DSDS und Topmodel lieferte Schlagzeilen nicht wegen der Quote, sondern wegen des Bombenalarms bzw. des Siegers, der sich einiges zu Schulden hat kommen lassen. Müssen sich Castingshows neu erfinden?

Mathias Wierth: Um weiter erfolgreich zu sein, müssen die Shows sich weiterentwickeln und in Teilen neu erfinden, aber die Situation wird zunehmend schwieriger: In Deutschland gibt es seit 15 Jahren Castingshows in unterschiedlicher Couleur, es werden bereits viele Bereiche abgedeckt. Ich glaube, dass eher Weiterentwickeln als Neu-Erfinden realistisch ist.

W&V: Es werden neue Geschäftsmodelle rund um die Shows gestrickt – beispielsweise Ticketverkauf für die Liveshows. Wie bewerten Sie das?

Mathias Wierth: Problematisch wäre das nur, wenn beispielsweise Tickets für eine Liveshow verkauft werden, die keine Liveshow ist. Ansonsten sind crossmediale Verbreitung und Vermarktung wichtig und gehören zum Modell, dass möglichst viele Anknüpfungspunkte geboten werden. Es stellt sich eher die Frage, ob ein anderes Vorgehen bei solchen Shows noch zeitgemäß ist.

W&V: Welche der vielen Castingshows werden Ihrer Meinung nach langfristig überleben?

Mathias Wierth: Langfristig, und neue Weiterentwicklungen eingeschlossen, kann ich mir DSDS, The Voice of Germany und auch Topmodel vorstellen – letzteres wird es meiner Meinung nach schwerer haben. Besonders diese drei sind populär und bieten mehrere Zugänge an, von ernsthaft kompetent über belustigend bis zu ästhetisch. The Voice könnte sogar das meiste Potenzial haben, wenn das Element „Humor“ noch stärker positioniert wird.

Das Interview führte Lisa Priller-Gebhardt. Auszüge wurden veröffentlicht in der W&V 33-2015, S. 32 ff.

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