Breitbandausbau bedeutet nicht Glasfaserausbau. Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, im Gespräch mit promedia

2011 gibt die Deutsche Telekom den Startschuss für den Glasfaserausbau: Allein in diesem Jahr werden bis zu 160 000 Haushalte in zehn deutschen Städten versorgt. Für die Deutsche Telekom stehen dabei nach eigenen Angaben schnelle und effiziente Telekommunikationsnetze im Fokus ihrer künftigen Investitionen. Geschwindigkeiten von bis zu 1 Gbit/s im Download und bis zu 0,5 Gbit/s im Upload werden im Netz der Telekom zukünftig möglich sein. Zum Ausbau einer Breitband-Infrastruktur in Deutschland, Fragen an Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur.

Matthias Kurth
Matthias Kurth

promedia: Herr Kurth, es ist das Ziel der Bundesregierung möglichst schnell, flächendeckend eine Internetanbindung von mindestens 1Mbit/s und bis 2014 75 Prozent mit mindestens 25 Mbit/s. Wie hoch war Ende 2010 noch die Zahl der Haushalte in den „weißen Flecken?
Matthias Kurth: Die Daten, die das Bundeswirtschaftministerium mit Stand Dezember 2010 erheben lässt, sind noch nicht abschließend ausgewertet. Das Bundeswirtschaftministerium geht davon aus, dass zum Ende des vergangenen Jahres etwa 98,5 Prozent der Haushalte mit Breitbandanschlüssen erschlossen waren. Ab Mai können darüber hinaus gerade in extremen Randlagen bis zu 200.000 Haushalte ein Satelliten-Internet-Angebot mit 10 Mbit/s im Download und 4 Mbit/s im Upload bestellen.

promedia: Ist das Ziel noch realistisch?
Matthias Kurth: In ihrer Breitbandstrategie hat sich die Bundesregierung bis 2014 das Ziel gesetzt, einen raschen flächendeckenden Ausbau mit Hochleistungs-Anschlussnetzen mit mindestens 50 Mbit/s Anschlussleistung bei 75 Prozent der Haushalte zu erreichen. Dieses Ziel soll durch die Nutzung von Synergien beim Infrastrukturaufbau, durch eine unterstützende Frequenzpolitik, durch eine wachstumsfreundliche Regulierung und durch geeignete Fördermaßnahmen verwirklicht werden. Wenn man bedenkt, dass bereits Mitte 2010 etwa 40 Prozent der Haushalte über eine Anschlussinfrastruktur von mindestens 50 Mbit/s verfügen konnten, so erscheint dieses Ziel nicht unrealistisch. Wir denken technologieneutral. Das Breitbandkabel hat mit DOCSIS 3.0 und Anschlusskapazitäten mit bis zu 120 Mbit/s mittlerweile eine gute Perspektive geschaffen. Und LTE-advanced hat gute Chancen für die mobile Breitbandversorgung in den nächsten Jahren.

promedia: Die Deutsche Telekom kündigt einen massiven Ausbau ihres Glasfasernetzes an. Wie dringend ist dieser Ausbau zur Sicherung einer Leistungsfähigen Netzinfrastruktur?
Matthias Kurth: Die Deutsche Telekom wird sich nach dem Verkauf ihres USA-Netzes verstärkt wieder dem deutschen Markt widmen. Ich glaube, dass Investitionen in Netzinfrastrukturen, die Investitionszyklen von mehreren Jahrzehnten umfassen, kaum als Dringlichkeitsentscheidung getroffen werden. Unternehmen werden solche Investitionsentscheidungen vor dem Hintergrund der Einschätzung entsprechender langfristiger Bedarfe, aber auch mit Blick auf ihre zukünftige Wettbewerbsfähigkeit treffen.

promedia: Ist ein flächendeckender Ausbau mit Glasfasernetzen bis in die Wohnung bis nach dem Motto „Glasfaser für alle“ notwendig und realistisch?
Matthias Kurth: Breitbandausbau bedeutet nicht Glasfaserausbau. Die Breitbandstrategie der Bundesregierung stellt nicht auf eine bestimmte Infrastruktur ab. Sie hat richtigerweise – unabhängig von der zu verwendenden Infrastruktur – den Fokus auf den Aufbau von Hochleistungsnetzen gerichtet. In den Ballungszentren, in denen rund 70 Prozent der Haushalte angesiedelt sind, wird der Ausbau höchstwahrscheinlich aufgrund des vorhandenen Wettbewerbs erfolgen. Die Erschließung der verbleibenden 30 Prozent der Haushalte wird sich nur durch einen intelligenten Mix an Technologien (FTTH/Punkt-zu-Punkt, FTTH/PON, VDSL, TV-Kabel, LTE) sowie die weitestgehende Nutzung vorhandener Infrastrukturen realisieren lassen. Erhebliche Kosteneinsparungen können durch Öffnung der Bahn-, Straßen- und Energieinfrastrukturen für Mitnutzungen erreicht werden.

promedia: Was würde ein flächendeckender Ausbau in Deutschland mit Glasfasern ca. kosten?
Matthias Kurth: Das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (wik) hat in einem Diskussionsbeitrag[1] versucht, die Kosten für die Erschließung der Häuser mit Glasfaserinfrastrukturen (FTTH/Punkt-zu-Punkt) abzuschätzen. Dabei schwanken die Kosten zwischen 596 Euro in hochverdichteten großstädtischen Bereichen und 4506 Euro in ländlichen Bereichen pro Haushalt. Bei diesen Investitionskosten sind die Inhouseverkabelung und Endkundenrouter/-modems (CPE) nicht berücksichtigt. Ein alternativer Anbieter von Breitbandanschlussinfrastruktur, die wilhelm.tel-Gmbh, nennt Investitionskosten für den FTTH-Ausbau bei einer Punkt-zu-Punkt-Infrastruktur von 329 Euro pro Wohnung in Metropolen und 3.678 Euro für Wohnungen in ländlichen Gemeinden[2]. Auch hier ist die Investition für den Infrastruktur-Roll-out nur bis zum Anschluss im Keller des Hauses gerechnet. Dieser Investitionsaufwand kann deutlich geringer ausfallen, wenn ein anderer Technologiemix mit geringeren Anschlusskapazitäten (z. B. auch VDSL und PON-Infrastrukturen[3]) oder Synergieeffekte durch einen gemeinsamen Netzausbau mit Energieversorgungsunternehmen unterstellt werden können.  Die Investitionskosten für hochbitratige Breitbandanschlüsse auf Basis der Kabel-TV-Infrastruktur liegen deutlich niedriger. Für die Umrüstung der Kabel-TV-Netze auf die leistungsfähigere DOCSIS 3.0 Technologie, die Anschlusskapazitäten zwischen 30 Mbit/s und 120 Mbit/s – allerdings im Rahmen einer shared-medium-Umgebung – erlaubt, liegen die Kosten für eine Haus-Erschließung gemäß der Studie „Wirtschaftsfaktor Kabel“ der Solon Management Consulting GmbH & Co. KG zwischen 300 und 400 Euro[4] pro Haushalt.

promedia: Wie könnten die Kosten für den Glasfasernetzausbau generell gesenkt werden?
Matthias Kurth: Der Investitionsaufwand kann gegebenenfalls durch einen geeigneten Technologiemix verringert werden. Auch die effizienteste Investition wird nicht ohne Kosten zu realisieren sein. Der Ausbau hochleistungsfähiger Anschlussnetze setzt auch eine gewisse zusätzliche Zahlungsbereitschaft der Endkunden voraus. Die aktuell noch sehr verhaltene Nachfrage nach den vorhandenen Hochgeschwindigkeitsanschlüssen deutet auf eine derzeit noch geringe Bereitschaft hin, für solche Produkte höhere Preise zu zahlen. Der entscheidende Treiber dieser Nachfrage, nämlich entsprechende Anwendungen, die nur über Hochgeschwindigkeitsanschlüsse verfügbar sind, scheint bislang jedenfalls zu fehlen.

promedia: Es gibt den Vorschlag, einen Teil der Kosten durch eine Art Haushaltsabgabe aufzubringen. Was halten Sie davon?
Matthias Kurth: Eine Universaldienstabgabe zur flächendeckenden Breitbandversorgung, die Endkunden direkt zur Abgabenzahlung verpflichtet, stößt neben anderen Gründen auch aus finanzverfassungsrechtlicher Sicht an Grenzen. Dies insbesondere dann, wenn durch diese Abgabe quasi alle Endkunden direkt zur Finanzierung des Glasfaserinfrastrukturausbaus herangezogen werden. Es ist davon auszugehen, dass eine solche Abgabe fast alle Bürger treffen würde, wenn – wie in dem von Ihnen angesprochen Vorschlag geplant – hiervon alle Festnetzanschluss- und Mobilfunkanschlusskunden betroffen sind. Der Anteil derjenigen, die weder einen Festnetzanschluss noch einen Mobilfunkanschluss haben, dürfte verschwindend gering sein. Eine ähnliche Diskussion gibt es im Bereich der Energieversorgung. So wurde der „Ausgleichsfonds zur Sicherung des Steinkohleneinsatzes“ (Kohlepfennig) als unselbständiges Sondervermögen des Bundes für verfassungswidrig erklärt.

promedia: Welche Rolle kann LTE beim Breitbandangebot spielen?
Matthias Kurth: Bei LTE handelt es sich um eine breitbandige Mobilfunktechnik, die in den nächsten Jahren ähnlich wie UMTS noch viel zusätzliches Potenzial besitzt. Mit Hilfe von LTE kann insbesondere in dünn besiedelten Gebieten, in denen bisher keine kabelgebundenen breitbandigen Internetanschlüsse verfügbar sind, eine entsprechende hochqualitative Breitbandversorgung auch drahtlos realisiert werden. Über Satelliten gibt es schon heute ein Grundangebot auch in den entlegensten Winkeln unseres Landes.

promedia: Wann wird es die ersten LTE-Netze in den Ballungsräumen geben?
Matthias Kurth: LTE-Netze auf Basis der Frequenzen im Bereich von 800 MHz dürfen in den Ballungsräumen erst aufgebaut werden, wenn vorher die Versorgungsverpflichtung erfüllt wurde, d. h., 90 Prozent der sog. weißen Flecken in den entsprechenden Bundesländern versorgt sind. In Berlin, Hamburg und Bremen darf sofort mit dem Aufbau von LTE in den 800-MHz-Netzen begonnen werden. Des Weiteren ist der Aufbau und Betrieb von LTE-Netzen mit anderen Frequenzen, z. B. 1,8 GHz oder 2,6 GHz, sofort bundesweit und damit auch in den Ballungsräumen möglich.

promedia: Die EU-Kommission hat die Mitgliedsstaaten aufgefordert weitere Rundfunkfrequenzen für Datendienste bereit zu stellen. Sehen Sie für Deutschland diese Notwendigkeit in den nächsten Jahren?
Matthias Kurth: In den nächsten Jahren wird eine Vervielfachung des mobilen Datenaufkommens erwartet. Hierdurch wird auch der Bedarf an zusätzlichem Frequenzspektrum für Datendienste steigen. Es ist deshalb zu prüfen, ob und gegebenenfalls welche neuen Frequenzbereiche zukünftig für Datendienste zur Verfügung gestellt werden können. Dabei ist ein harmonisierter Ansatz auf europäischer Ebene zu präferieren.

promedia: Die Telekommunikationsunternehmen beklagen die hohen Kosten beim Ausbau der stationären und mobilen Infrastruktur. Soll der Staat hier den Ausbau stärker subventionieren, wie den Aufbau der Kabelfernsehnetze in den 80iger Jahren?
Matthias Kurth: Der Entwurf des neuen Telekommunikationsgesetzes sieht Fördermittel für den Breitbandausbau in Höhe von 250 Millionen Euro vor, der Etat für den Straßenausbau betrug allein 2010 8,6 Milliarden Euro.Die Kosten für den Mobilfunknetzausbau sind gesunken und Deutschland hat als eines der ersten europäischen Länder, in denen der LTE-Ausbau erfolgt, viele zusätzliche Vorteile. Die Betreiber haben durch den intensiven Wettbewerb günstige Lieferkonditionen erzielt. Im Festnetz sind die Grabungskosten das Teuerste. Diese können durch Förderung und Synergien beim Ausbau reduziert werden. Auch eine weitere Förderung im ländlichen Raum ist möglich und hier wird es eine Vielzahl neuer Modelle geben.

promedia: Hat der Staat aber nicht die Aufgabe bei der Bedeutung des Internets eine Art Grundversorgung zu sichern?
Matthias Kurth: Eine Sicherung der Grundversorgung etwa über eine Universaldienstverpflichtung bringt wenig hinsichtlich des flächendeckenden Ausbaus von Hochgeschwindigkeitsnetzen, da derzeit ein allgemeiner Bedarf an 50 Mbit/s-Anschlüssen nicht nachweisbar ist und somit die Voraussetzungen zur Definition des Universaldienstes nicht erfüllt sind. Auch würde eine sofortige Umsetzung dieses Zieles über den Universaldienst wahrscheinlich zu sehr hohen Preisen führen, die der Erreichung des Zieles einer flächendeckenden Versorgung mit hochleistungsfähigen Anschlüssen eher abträglich wäre. Der marktgetriebene Ausbau der großen und mittelständischen Provider, der Ausbau von LTE, laufende Fördermaßnahmen zur Sicherstellung der Grundversorgung, der Ausbau deutlich leistungsstärkerer Satellitenkapazitäten (bis 10 Mbit/s) sowie die flankierenden Maßnahmen der Länder, der lokalen Breitbandkompetenzzentren und des Breitbandbüros des Bundes werden rasch zur Vollversorgung beitragen.

promedia: Ist die Aufgabe der Netzneutralität der Preis für ein leistungsfähiges mobiles Breitbandnetz?
Matthias Kurth:
Eine unmittelbare Verknüpfung zwischen der Frage von Netzausbaukosten und dem Thema Netzneutralität gibt es nicht. Ob ein Netzbetreiber Annreize zum Infrastrukturausbau hat oder nicht, hängt zunächst von der Höhe der Zahlungsbereitschaft der Kunden ab. Entscheidend ist, dass der Ausbau für den Netzbetreiber profitabel ist. Dies ist keine Frage von „Netzneutralität – ja oder nein“.
Hinsichtlich der Netzneutralität gelten für festnetzbasierte wie mobile Internetzugänge grundsätzlich die gleichen Prinzipien. Die administrativen Herausforderungen sind für beide Netzarten vergleichbar. Beide nutzen IP-Technologie. Das Verkehrsmanagement ist aber in Mobilfunknetzen eine größere Herausforderung, da hier die Kapazitätsbeschränkungen größer sind. Sofern alle Nutzer einer Transportklasse gleichbehandelt werden, ist dies mit der Netzneutralität vereinbar. Problematisch wird es, wenn bestimmte Inhalteangebote durch den Endkunden nicht mehr erreichbar sind. In der Vergangenheit hatten die Mobilfunknetzbetreiber die Zustellung paketvermittelnder Anrufe vertraglich ausgeschlossen. Mittlerweile zeigt sich, dass die Mobilfunknetzbetreiber in unterschiedlichem Maße die VoIP-Nutzung teilweise uneingeschränkt, teilweise gegen Entgelt – meistens in Form zusätzlicher Optionstarife – häufig ermöglichen.

Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur

Über Matthias Kurth

  • Geboren: 19. Februar 1952
  • 1971-1976 Studium Rechtswissenschaften
  • 1978 Richter am Landgericht Darmstadt
  • 1978-1994 Mitglied der SPD-Fraktion des Hessischen Landtags
  • 1994-1995 Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium
  • 1999-2000 Mitglied der Geschäftsleitung COLT Telekom GmbH
  • 2000-2001 Vizepräsident der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post
  • Seit 2001 Präsident der Bundesnetzagentur

Weitere Informationen: promedia


[1] WIK, Diskussionsbeitrag Nr. 332, Optionen des Netzzugangs bei Next Generation Access, 2009. Die Kosten wurden ermittelt für einen Provider, der 50 Prozent Marktanteil hat.

[2] Vortrag, T. Weirich, wilhelm.tel-GmbH, „Flexible Ausbaustrategien für lichtbasierende Netze“, ITG-Veranstaltung, Breitbandversorgung in Deutschland, 17-18. März 2010 in Berlin

[3] Hierunter werden Passive Optische Netze verstanden, bei denen anders als bei Punkt-zu-Punkt-Glasfaserleitungen auf der überwiegenden Strecke der Verkehr gebündelt übertragen wird.

[4] Vgl. Studie der Solon Management Consulting GmbH & Co. KG: “Wirtschaftsfaktor Kabel“, 2010, im Auftrag des Verbandes Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V.(ANGA)

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