Wir haben um die „Zeit“ eine Marken-Familie aufgebaut, Dr. Rainer Esser, Sprecher der Geschäftsführung die “Zeit“, im Gespräch mit promedia

Der „Zeit“ Verlag hat die Gesamterlöse 2010 deutlich gesteigert und einen Rekordumsatz erzielt. Im Vergleich zum Vorjahr erreichte das Hamburger Verlagshaus ein Plus von 9 Prozent und steigerte die Erlöse auf 134 Mio. Euro (2009: 123 Mio.). Seit 2003 wuchs der Umsatz um  81 Prozent. Die Vertriebsumsätze stiegen auf 59,7 Mio. Euro, das sind 6 Prozent mehr als in 2009. Seit 2003 wuchsen die Vertriebserlöse um insgesamt 39 Prozent. Bei den Anzeigenumsätzen legte der „Zeit“ Verlag im Vergleich zum Vorjahr um 8 Prozent auf 47,3 Mio. Euro zu. Das sind 63 Prozent mehr als in 2003. Rund 30 Prozent des Gesamtumsatzes entfielen 2010 auf die Neuen Geschäftsfelder. „Zeit“ ONLINE war 2010 das am stärksten wachsende Nachrichtenportal.

Dr. Rainer Esser
Dr. Rainer Esser

promedia: Herr Esser, die „Zeit“ wird in diesem Jahr 65 Jahre alt und man hat den Eindruck, sie ist erfolgreicher denn je. Warum kann Ihnen denn die Krise, unter der so viele Printprodukte leiden, nichts anhaben?
Rainer Esser:
Wir haben über die Jahre konsequent die Basis unseres Geschäftes ausgebaut und deshalb von einer Krise nichts gemerkt. Die Redaktion hat ständig an neuen Themen, Ressorts und Verbesserungen im Blatt gearbeitet und im Verlag wurden neue Ideen für das Anzeigen- und Vertriebsgeschäft und für neue Geschäfte entwickelt, um unseren Lesern und Kunden Freude zu bereiten. Zudem haben wir um die „Zeit“ herum eine Marken-Familie aufgebaut, die profitabel ist und das Hauptgeschäft durch Cross-Promotion unterstützt.

promedia: Warum schätzen die Leser die „Zeit“ und warum greifen immer mehr dazu?
Rainer Esser:
Wir sind mit Lesern und Anzeigekunden ständig im Gespräch, hören zu und setzen viele Wünsche schnell um. Die Lesergespräche finden gemeinsam mit der Redaktion statt. Auch unsere vielfältigen Veranstaltungen dienen dazu, den Kontakt zu den Leserinnen und Lesern zu vertiefen und so von ihnen zu lernen.
Zu unserem  Tag der offenen Tür im Februar kamen über 2000 Leser. Ihnen gefällt an der „Zeit“, dass sie ihren Stil beibehalten hat, keinen modischen Trends nachgeht und kontinuierlich an den Inhalten, der Qualität und der Optik arbeitet.

promedia: Heißt, den Stil beibehalten, dass die „Zeit“ eine konservative Zeitung ist?
Rainer Esser: Die „Zeit“ ist in dem Sinne konservativ, dass wir kontinuierlich daran arbeiten, besser zu werden.

promedia: Sie erreichen jetzt eine Auflage von über 500.000 Exemplaren. Bei welchen Zielgruppen können Sie die Auflage weiter steigern?
Rainer Esser:
Die Auflage der „Zeit“ ist auf historischem Höchststand. Wir wollen jedes Quartal ein bisschen gegenüber dem Vorjahr wachsen, geben unser Bestes in der Redaktion und im Verlag für dieses Ziel. Wir freuen uns, vor allem bei jungen Lesern weiterhin stark zu sein. Dafür haben wir auch vier Magazine für jüngere Leser – für Studenten, Schüler, angehende Studenten und für Kinder entwickelt und verlegen eine ganze Reihe von Sonderprodukten wie  Kinderbücher, Klassik für Kinder, wir organisieren gemeinsam mit der Stiftung Lesen und der Deutschen Bank einen großen Vorlesetag mit fast 10.000 Events, vergeben den Kinder- und Jugendbuchpreis Luchs und sind sehr stark mit „Zeit“ für die Schule an den Schulen engagiert, wo über 11.000 Lehrer und über 200.000 Schüler mitmachen. Außerdem haben wir „Zeit“ Online für die Schule gestartet und einen Newsletter für Schüler, der schon über 30.000 Bezieher hat. Zudem sind wir mit über 40 Hochschulveranstaltungen im Jahr unterwegs.

promedia: Man hört  eher die Meinung, dass Print die Jugend schon verloren hat. Das hört sich bei Ihnen anders an. Woher nehmen Sie denn den Optimismus?
Rainer Esser: Die These, dass junge Leute nicht mehr lesen, ist Unsinn. Sie lesen heute sicherlich weniger Zeitungen als früher. Und deshalb müssen wir uns stark anstrengen, um sie mehr zu begeistern. Verloren für Printmedien sind sie auf keinen Fall, nur sie sind viel anspruchsvoller geworden. Man muss sie viel stärker mit für sie interessanten Themen abholen und sie direkt ansprechen.

promedia: Auch bei den Anzeigenumsätze haben Sie im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Andere Verlage beklagen 2009 und 2010 einen Rückgang. Warum wirbt man denn bei Ihnen so gerne?
Rainer Esser: Leser von Printpublikationen werden als Zielgruppe für werbetreibende Unternehmen immer interessanter. Die qualitätsbewusste Leserschaft der „Zeit“ ist darüber hinaus für Qualitätsmarken sehr attraktiv. Damit ist „Die Zeit“ ein idealer Werbepartner. Hinzu kommt, dass wir das „Zeit“-Magazin seit drei Jahren wieder herausgeben, das mit emotionalen Reportagen sehr dicht am Leben unserer Leser dran ist und deshalb ein sehr guter Werbeträger für Markenartikel aus den Bereichen Design, Uhren und Schmuck, Möbel,  Genussprodukte und Mode ist.

promedia: Wie muss sich trotz aller Erfolge das Printprodukt „Zeit“ weiterentwickeln?
Rainer Esser: Indem wir weiter konsequent auf Qualität setzen. Wir haben in den letzten 18 Monaten mehrere neue Ressorts gegründet, zum Beispiel ein Geschichtsressort sowie „Glauben und Zweifel“ oder die Seite „Zeit“ der Leser“ sowie die Kinderseiten. In der Politik ist gerade eine neue Rubrik „Politische Lyrik“ eingeführt worden. Also, wir sind ständig in Bewegung, das Blatt zu verbessern. Es wird in diesem Jahr mit Neuigkeiten weitergehen. So kommt Ende Mai die zweite App der „Zeit“ heraus. Damit werden wir die erste App, die wir im letzten August gestartet haben, deutlich verbessern, d.h. noch mehr auf die Möglichkeiten zuschneiden, die ein  Tablet PC bietet.

promedia: Sie haben erfolgreiche Ableger, die Sie bereits nannten – „Zeit Wissen“ und „Zeit Campus“. Sind weitere Beiboote geplant?
Rainer Esser:
Wir haben neben „Zeit Wissen“ und „Zeit Campus“ noch weitere Beiboote, und zwar „Zeit Geschichte“ sowie den „Zeit Studienführer“, der über 200 Seiten umfasst und unsere Kindermagazine. Im letzten Jahr haben wir zudem den „Zeit Schulführer“ herausgebracht, und in der „Zeit“ liegt viermal im Jahr das „Zeit“- Literaturmagazin bei.

promedia: Wie entwickelt sich das „Zeit“- Kinderheft?
Rainer Esser: Es entwickelt sich  gut. Deshalb werden wir in diesem Jahr drei Kinderhefte herausbringen und ab September auf eine zweimonatliche Erscheinungsweise umstellen.

promedia: Bei Kinderpublikationen ist es mit Werbung schwierig. Wie finanzieren Sie das Heft?
Rainer Esser: Das Heft ist profitabel. Es wird zum einen mit relativ überschaubarem Aufwand produziert. Zum anderen hat es eine verkaufte Auflage von ca. 30.000 Exemplaren pro Ausgabe zu einem Copypreis von 4,95 Euro. Auch eine wachsende Zahl von Anzeigenkunden haben das „Zeit“ Kindermagazin entdeckt. Es wird im kommenden Juni deutlich weiter verbessert herauskommen.

promedia: Für Österreich, die Schweiz und Sachsen existieren regionale Ausgaben gestartet. Wie entwickelt sich dieses „Experiment“?
Rainer Esser: Das Experiment hat sich so gut entwickelt, das wir längst nicht mehr von einem Experiment sprechen. Wir haben in Österreich  4.000 Stück an Auflage gewonnen und verkaufen von jeder Ausgabe durchschnittlich über 15 000 Exemplare und die Zahl wächst weiter. In der Schweiz haben wir auch 4.000 gewonnen mit weiter wachsender Tendenz. Sachsen ist unser jüngstes Kind – hier stieg bis jetzt  die Auflage um 1.500 Exemplare.

promedia: Planen Sie solche speziellen Ausgaben noch für weitere Regionen?
Rainer Esser: Nein. In Österreich, der Schweiz und Sachsen steckt noch viel Wachstum für die „Zeit“.

promedia: Ein Drittel des Umsatzes 2010 stammt aus neuen Geschäftsfeldern. Wie hoch ist dabei der digitale Anteil?
Rainer Esser: Der digitale Anteil an dieser Umsatzsparte ist im letzten Jahr kräftig gewachsen auf insgesamt 7 Prozent unseres Gesamtumsatzes. Verantwortlich dafür ist insbesondere die hervorragende Entwicklung von „Zeit Online“. Die Website ist von allen Nachrichtenangeboten im Internet im vergangenen Jahr am stärksten gewachsen. Die positive Entwicklung zeigt sich auch im Anzeigenbereich: Bei den Branding-Kampagnen haben wir ordentlich zugelegt und ein Umsatzplus von 50 Prozent erzielt.

promedia: Sie haben eine Leserschaft, die doch digitalen Verbreitungswegen sehr aufgeschlossen ist. Wie wollen Sie dieses Pfund noch besser nutzen?
Rainer Esser: Die Überschneidungen zwischen Nutzern von „Zeit Online“ und Lesern der „Zeit“ ist klein. Das heißt, wir haben die Reichweite der Marke „Zeit“ dank online dramatisch gesteigert und große Chancen, noch mehr Leser vice versa von beiden Angeboten zu überzeugen. Zum einen wächst die Onlineaffinität in der Bevölkerung weiterhin, zum anderen ergänzen sich „Die Zeit“ und „Zeit Online“ ideal: Die Wochenzeitung bietet viel Orientierung und Einordnung sowie ausführliche Hintergrundberichte, „Zeit Online“ aktuelle Nachrichten. Da beide Angebote die gleiche Tonalität und Qualität bieten, ist „Zeit Online“  ein wichtiger Kanal geworden, um „Zeit“-Abonnenten zu werben.

promedia: Welche Chancen bietet das iPad für die „Zeit“?
Rainer Esser: Das iPad ist eine wunderbare Erfindung, die uns fantastische Möglichkeiten bietet. Das elegante, ausdrucksstarke Layout der „Zeit“ kommt auf dem iPad hervorragend zur Geltung. Das wird noch stärker herauskommen bei unserem nächsten Release im Mai.

promedia: Und wie sieht es mit Paid-Content-Angeboten aus?
Rainer Esser: Die Apps sind natürlich kostenpflichtig, bei „Zeit Online“ hingegen nur gewisse Services. Inhalte werden auf „Zeit Online“ auch künftig nicht kostenpflichtig sein.

promedia: Wie sehen Sie die Position von Apple in diesem Geschäft? Verhindern die Apple-Geschäftspraktiken neue Geschäftsmodelle der Zeitungsverleger?
Rainer Esser: Wir sind  nicht glücklich über die Ankündigungen von Apple. Wir können nur hoffen, dass es bald mehr Konkurrenz bei den Tablet-Anbietern gibt.

Dr. Rainer Esser, Sprecher der Geschäftsführung „Die Zeit“

Über Dr. Rainer Esser

  • Geboren: 11. Januar 1957
  • 1977-1983 Jura-Studium
  • Bis 1989 Tätigkeit als Anwalt
  • 1989-1992 Chefredakteur von Business Law Europe und Tax Letter Europe
  • 1992-1995 Geschäftsführer Spotlight-Verlag GmbH und Herausgeber verschiedener Zeitschriften
  • 1995-1999 Geschäftsführer der „Main Post“
  • Seit März 1999 Geschäftsführer der „Zeit“
  • Seit Januar 2005 Sprecher der Geschäftsführung

Weitere Informationen: promedia

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