„RTL Aktuell“ baut seinen Vorsprung vor „heute“ aus. Interview mit Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur in der promedia

„Wir setzen auf unsere eigene Stärke“

Interview mit Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur, promedia 2/2011

„RTL Aktuell“ konnte auch im Nachrichtenjahr 2010 seine Position als Nummer 1 bei den jungen Zuschauern (14-49 Jahre) bestätigen. Mit 1,53 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 19,9 Prozent lagen die RTL-Hauptnews deutlich vor der „Tagesschau“ (1,26 Mio.; MA: 12,0%). Rang 3 in der Jahreswertung bei der jungen Zielgruppe belegten die SAT.1-Nachrichten (0,82 Mio.; MA: 8,0%). Bei den Gesamtzuschauerzahlen platzierten sich die von Peter Kloeppel moderierten RTL-Hauptnachrichten mit durchschnittlich 3,91 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 18,2%) im dritten Jahr in Folge vor der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ (3,75 Mio., MA: 16,6%). Die „Tagesschau“ im Ersten kam 2010 als meistgesehene Hauptnachrichtensendung auf durchschnittlich 5,34 Millionen Zuschauer (MA: 18,9 %).

Peter Kloeppel

promedia: Herr Kloeppel, „RTL Aktuell“ war 2010 vor „heute“ die  Nummer 2 der Nachrichtensendungen. Streben Sie nun die Marktführerschaft an?
Peter Kloeppel: Man muss realistisch bleiben. Die „Tagesschau“ um 20 Uhr hat ein viel größeres Zuschauerpotenzial, das sie auch nutzt, da am Abend deutlich mehr Zuschauer einschalten. An diese große Zahl von Zuschauern heranzukommen, wird uns um 18.45 Uhr nicht gelingen. Aber wir freuen uns, dass wir mit  „RTL Aktuell“- so erfolgreich sind, zuletzt immer mal wieder auch beim Gesamtpublikum vor der „Tagesschau“ im Ersten liegen und von Jahr zu Jahr Zuwächse verzeichnen.

promedia: Ihre Nachrichten sind ähnlich aufgebaut wie die des ZDF. Was schätzen die Zuschauer vor allem an „RTL Aktuell“?
Peter Kloeppel: Sie schätzen das, was sie auch an den anderen Nachrichtensendungen schätzen: aktuelle, kompetente und seriöse Information über die wichtigsten Ereignisse des Tages. Darüber hinaus kümmern wir uns nicht nur um die klassischen, politischen und wirtschaftlichen Nachrichtenthemen, sondern bilden das Leben in seiner ganzen Breite ab. Das heißt, bei uns finden sich auch Themen, die sich zum Beispiel rund um die Erziehung, Ausbildung, Gesundheit, technische Neuerungen, um Trends in der Kultur und anderen Lebensbereichen drehen. Wenn man es dann noch interessant und spannend aufbereitet ist das für viele Menschen der Grund, uns einzuschalten und auch nicht mehr, so wie es vor langer Zeit mal der Fall war, sicherheitshalber um 20 Uhr nochmal die „Tagesschau“ zu sehen, um zu prüfen, ob alles stimmt, was wir berichtet haben.

promedia: Viele gehen davon aus, dass Sie die jungen Zuschauer erreichen und ARD und ZDF die älteren. Aber ganz so einfach ist das wohl nicht mehr…
Peter Kloeppel: Nein. Am vergangenen Sonntag hatten wir ca. 5,2 Millionen Zuschauer, davon 2,1 Millionen junge Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren. Das heißt, drei Millionen Zuschauer waren über 50. Wir versuchen, möglichst viele Menschen aus allen Altersgruppen zu erreichen und das gelingt uns deutlich besser als der „Tagesschau“ und der „heute“-Sendung. Die Kollegen haben großen Nachholbedarf bei denüngeren, weil diese „RTL Aktuell“ wohl interessanter finden und sich bei uns besser informiert fühlen über die Themen, die sie betreffen und interessieren.

promedia: Bilder und News sind bei Ihnen ähnlich wie bei ARD und ZDF. Was machen Sie anders, um junge Leute anzusprechen?
Peter Kloeppel: Es ist generell nicht richtig, dass wir alle das gleiche Ausgangsmaterial verwenden. Wir bemühen uns z.B. sehr darum, nicht nur Material  von den Fernsehnachrichtenagenturen wie Reuters oder APTN oder von den großen Networks zu benutzen, sondern wir haben unser Korrespondentennetz im Ausland in den vergangenen fünf bis zehn Jahren kontinuierlich ausgebaut. Und natürlich suchen wir auch in Deutschland bei der Berichterstattung über Politik oder Wirtschaft nach dem eigenen Ansatz. Indem wir uns jeden Tag fragen, welches die interessanten und relevanten Geschichten sind und wie wir diese umsetzen, können wir uns sehr deutlich von anderen Nachrichtensendungen unterscheiden. Was natürlich auch bedeutet, die Informationen so zu bebildern, dass es für die Zuschauer einen Mehrwert bringt und sie nicht das Gefühl haben, sie bekämen bei uns das gleiche wie bei allen anderen auch.

promedia: Lässt das Interesse an Politik nicht bei den Jüngeren nach?
Peter Kloeppel: Die Zuschauerzahlen sprechen bei uns eine andere Sprache. Die Jungen interessieren sich für politische Information, und sehen sich politische Themen mit großem Interesse an. Wir beobachten aber ein grundsätzlich geringeres Interesse an Politik im Allgemeinen, ganz besonders an Parteipolitik. Aber bei politischen Fragen,  die ihr Leben beeinflussen – ob das Hartz IV oder Ausbildung Erziehung oder Finanzierung sind –fühlen sich auch viele junge Menschen angesprochen. Diese Themen nehmen wir ernst und greifen sie immer wieder auf.

promedia: Sie sind auch Marktführer bei anderen Informationssendungen. Was ist die Ursache, dass RTL den ganzen Tag über eine gefragte Adresse für Information ist?
Peter Kloeppel: Wir haben schon vor 15 Jahren als Aufgabe definiert, dass wir immer und überall im Programm mit unseren Informationen auffindbar sein möchten. Wir sehen Nachrichten also nicht nur als eine Aufgabe für den Abend an, sondern als eine Aufgabe, der wir uns jeden Tag zu jeder Tageszeit stellen. Wir können dadurch auch kontinuierlich rund um die Uhr unsere Reporter nutzen, unsere Geschichten erzählen und unsere Nachrichten zu Zeitpunkten den Menschen präsentieren, an denen sie sich für Nachrichten interessieren. Ob das nun früh morgens ist, wenn man aufsteht, oder am frühen Vormittag um 9 Uhr. Außerdem bieten wir mit dem Mittagsmagazin Punkt 12 viele Informationen und machen mit dem Nachtjournal mit einer ganz anders ausgerichteten Nachrichtensendung den Menschen ein spezielles Angebot. Dadurch, dass alle Redaktionen eng miteinander verbunden arbeiten sind wir an sehr vielen Geschichten dran, die wir den ganzen Tag erzählen und fortschreiben können.

promedia: Warum ist es für einen Privatsender wichtig, den ganzen Tag mit News präsent zu sein?
Peter Kloeppel: Es gehört zu der Palette an Programmfarben, die wir als RTL unseren Zuschauern gerne bieten möchten, unbedingt dazu. RTL ist ein Sender, der als Vollprogramm Information, Unterhaltung und Sport anbietet. Wenn die Menschen bei uns wegschalten würden, weil sie sich Informationen wo anders suchen müssten, würde das dem Sender insgesamt schaden. Mit unseren Informationsangeboten stützen wir das Programm. So gesehen ist das ein verbundenes Gefäß, in dem die Stärke der Information die Stärke der anderen Programmteile mit beeinflusst und umgekehrt.

promedia: Man hört sehr oft, dass sich Nachrichten bei einem privaten Sender nicht rechnen. Warum rechnen sie sich bei Ihnen doch?
Peter Kloeppel: Wir sind zwar ein Wirtschaftsunternehmen, aber es ist für uns nicht die alleinige Frage, ob sich Nachrichten rechnen oder nicht, sondern für uns sind Nachrichten integraler Bestandteil des Programms. Wir sehen es auch als eine wichtige Aufgabe an, als Marktführer allen Zuschauern die ganze Bandbreite an Inhalten zu präsentieren, die Fernsehen bieten kann. Dazu gehört aus unserer Sicht auch informativer und interessanter Journalismus.

promedia: Es gibt den Vorschlag, dass Sie das Korrespondentennetz von ARD und ZDF nutzen können, um bei der teuren Auslandsberichterstattung zu sparen…
Peter Kloeppel: Allein an der Tatsache, dass wir unser eigenes Korrespondentennetz im Ausland in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich ausgebaut haben, sieht man, dass wir auf unsere eigenen Stärke setzen und uns unabhängig von anderen machen. Auslandsberichterstattung muss auch nicht unbedingt so teuer sein. Wir verfügen in einigen Ländern über Büros, in denen ein Journalist selber mit der Kamera arbeitet und seine Beiträge am Laptop schneidet. Wir setzen auf unsere eigene Stärke, weil wir mit unseren eigenen Gesichtern und Geschichten aus dem Ausland viel erfolgreicher sind, als wenn wir uns auf die Infrastruktur von Mitbewerbern stützen würden.

promedia: Können Sie sich einen anderen Bereich einer Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorstellen?
Peter Kloeppel: Ich wäre schon froh, wenn die Öffentlich-Rechtlichen sich untereinander besser abstimmen würden, also Events, wie zum Beispiel die Krönung im britischen Königshaus im April, nicht parallel übertragen und damit eine beträchtliche Summe ausgeben, die man mit Sicherheit auch anders ins öffentlich-rechtliche Programm investieren könnte. Wir haben in den letzten 20 Jahren gezeigt, dass wir auf eigenen Beinen stehen können und nicht darauf angewiesen sind, von den Öffentlich-Rechtlichen unterstützt zu werden.

promedia: Tangiert Sie das Engagement der  Öffentlich-Rechtlichen im mobilen Bereich mit  Apps der „Tagesschau“ oder von „heute“?
Peter Kloeppel: Man muss schon die Frage stellen, inwieweit das alles zum Grundversorgungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gehört und ob das Geld nicht besser ins Programm gesteckt würde, also in Inhalte, die tatsächlich von ARD und ZDF erwartet werden, nämlich kulturelle Programme, Dokumentationen und politische Berichterstattung zu prominenter Sendezeit. All das wird immer stärker in den Hintergrund gedrängt. Denn natürlich sind wir von diesen Aktivitäten auch betroffen. Wir haben 2004 als Erste ein Angebot in Kooperation mit der Deutschen Telekom mit eigenen Bewegtbild-Nachrichten für das Handy gestartet und haben damit auch Erfolg. Wir wollen immer und überall für die Zuschauer erreichbar sein, auch mit Apps auf Smartphones und Tablet-PCs.

promedia: Nicht alle privaten Sender produzieren ihre Nachrichten noch im eigenen Haus, im Gegensatz zu Ihnen. Wo sehen Sie die Vorteile?
Peter Kloeppel: Der Vorteil besteht vor allem darin, dass wir im Verbund der  Redaktionen eine sehr viel größere journalistische Kraft entwickeln können, als wenn wir mit externen Partnern zusammenarbeiten müssten. Wir können eine eigene Nachrichten-Philosophie durchsetzen, die man jeden Tag auch bei uns im Programm sehen kann. Wir können unsere Ressourcen gemeinsam besser nutzen und können so auch sehr schnell reagieren, um zusätzlich zu informieren. Das heißt, wir wollen nicht von einem externen Zulieferer abhängig sein. Vielmehr sind wir der Auffassung, dass es bei einem Sender wie RTL und einer Sendergruppe wie der Mediengruppe RTL Deutschland dazu gehört, dass man eigene Informationsprogramme erstellt und so auch eigene Informationsmarken entwickelt. Wir sind fest davon überzeugt, dass dies bisher der richtige Weg war und auch in Zukunft sein wird.

Artikel in der promedia 2/2011
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Interview mit Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur

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