Der Lizenzhandel wächst durch digitale Plattformen. Wolfgang Braun, Chairman und CEO von Studiocanal in Deutschland, im Gespräch mit promedia

„Mit allen Verwertungsebenen insgesamt ist Deutschland der wichtigste Markt in Europa“, äußerte Wolfgang Braun, Chairman und CEO von Studiocanal in Deutschland im Gespräch mit promedia. Dabei sei der Home Entertainment-Bereich das „Rückgrat“ von Studiocanal, aber auch der Lizenzhandel verzeichne durch die Entwicklung der neuen Medien ein bedeutendes Wachstum. Die heute gleichnamige Tochter, ehemals Kinowelt, des französischen Mutterkonzerns Studiocanal hat seit September 2011 ihren deutschen Sitz in Berlin und will von der Hauptstadt aus den nationalen und internationalen Filmmarkt erobern. Berlin als Medienstandort mit seinem kreativen Potenzial biete dabei die besten Chancen, vor allem im Bereich der Film-Koproduktion die Aktivitäten von Studiocanal auszubauen, so Braun.

Wolfgang Braun
Wolfgang Braun

promedia: Studiocanal, vielen noch bekannt als Kinowelt, hat den Namen seines französischen Mutterkonzerns übernommen. Was waren die Gründe für diese „Namenszusammenlegung“?
Wolfgang Braun: Wir wollen jetzt auch nach außen dokumentieren, dass wir ein Unternehmen und ein Team sind, das in Europa ein Filmstudio betreibt. Studio bedeutet nicht, dass dort viele Gebäude sind, in denen Filme gedreht werden. Sondern heute ist ein Studio ein Unternehmen, das Filme entwickelt und produziert, oft auch als Koproduktionen, und dann vertreibt. Das ist genau das, was wir machen – europaweit unter einem einheitlichen Namen.

promedia: Welche Vorteile bietet Deutschland als einer von drei Studiocanal-Standorten?
Wolfgang Braun:
Deutschland ist bevölkerungsmäßig der größte Markt in Europa für Filme, wenngleich die Deutschen weniger ins Kino gehen als in den anderen beiden Ländern. Mit allen Verwertungsebenen insgesamt ist Deutschland jedenfalls der wichtigste Markt in Europa. Insofern sind wir eine starke Säule in diesem Drei-Länder-Unternehmen und der Einfluss von Frankreich ist genauso groß wie unser Einfluss auf Frankreich. Wir entwickeln unsere Inhalte gemeinsam für die großen Filme, die amerikanischen Produktionen und die Koproduktionen, die wir machen. Zusätzlich entwickelt jedes Land lokale Inhalte, die dann vielleicht auch die Möglichkeit haben, in die anderen Länder zu gelangen, was ansonsten sehr schwierig ist, zum Beispiel für einen deutschen Film in Frankreich sichtbar zu werden.

promedia: Studiocanal hat seinen deutschen Sitz nach Berlin verlegt. Welche Chancen und Möglichkeiten sehen Sie in Berlin als Standort?
Wolfgang Braun: Studiocanal hat in Berlin angefangen. Vorher waren wir Kinowelt. Kinowelt war erst in München, dann in Leipzig ansässig – beides Standorte, die zur damaligen Zeit die beste Wahl waren. Und wenn man sich wie wir neu aufstellt und neue Geschäftsfelder erschließt, sollte man auch prüfen, ob der Standort des Unternehmens noch ideal ist. Insofern war es wichtig zu überlegen, wo die Zukunft ist. Und diese ist, was die Kreativität anbelangt, in Berlin. Wenn man bedenkt, wer hier alles ist, wer hierher kommt und welche ausländischen Regisseure hier gerne arbeiten. Da gibt es zurzeit keine Stadt, die an Berlin auch nur herankommt und deshalb ist das der richtige Standort für uns.

promedia: Werden Sie sich in Berlin neuen Aufgaben und Herausforderungen stellen müssen?
Wolfgang Braun:
Unsere erste Aufgabe war, ein neues Gebäude zu finden, das wirklich in der Mitte Berlins liegt. Von hier aus werden wir jetzt Berlin Schritt für Schritt erkunden und erobern. Wir wollen das kreative Potenzial der Stadt im Bereich der Film-Koproduktionen kennenlernen und auch den Standortvorteil dazu nutzen, überall leichter unsere Kunden erreichen zu können, mit denen wir gemeinsam auf der Kino- und Home Entertainment-Ebene und im Lizenzhandel arbeiten. Am meisten Potenzial sehen wir für uns in der Hauptstadtregion im Bereich der Filmproduktion.

promedia: Kann München Ihnen dieses kreative Umfeld nicht bieten?
Wolfgang Braun: In München als Medienstandort gibt es sehr viele Unternehmen dieser Art. Berlin entwickelt sich aber seit einigen Jahren dynamischer und passt damit besser zur Strategie, die wir verfolgen. Es ist auch wichtig, dass sehr viel Talent aus dem Ausland mit ganz anderen Ideen nach Berlin kommt.

promedia: Auf welche nationalen und internationalen Kinofilme, bei denen Studiocanal unter anderem als Koproduzent mitwirkt, darf sich der Kinobesucher in den kommenden Monaten freuen?
Wolfgang Braun: Eine internationale Koproduktion ist der Film „Dame, König, As, Spion“, der vor kurzem in Venedig Weltpremiere gefeiert hat. Und es ist auch ganz frisch, dass Studiocanal den neuen Film der Coen-Brüder produzieren wird. Aber wir sind nicht bei allen Filmen auch als Koproduzent tätig. Ein Beispiel hierfür ist der Film „Atemlos“, der im Oktober startet. Ab November ist „Kein Sex ist auch keine Lösung“ im Kino zu sehen, der in Oldenburg auf dem Filmfestival eine Vorpremiere hatte und vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert wurde. Das lässt natürlich auch hoffen, dass wir hier einen erfolgreichen deutschen Hit in der Hand haben. Im nächsten Jahr geht es gleich weiter mit dem Film „Die Tribute von Panem“. In der Branche glauben alle, dass das der neue „Harry Potter“ wird. Die Buchreihe ist ja in Deutschland bereits sehr erfolgreich. Außerdem freuen wir uns auf unser „Snow White“. Das ist eine Komödie, die das Märchen aus einem sehr lustigen Blickwinkel zeigt, anders als man das bei den Grimm-Märchen gewohnt ist.

promedia: Studiocanal in Deutschland verfügt über einen Film-Katalog von mehr als 10.000 Filmtiteln. Handelt es sich hierbei nur um deutschsprachige Filme?
Wolfgang Braun: Nein, es sind zum Teil auch internationale Filme. Wenn ich mir zum Beispiel die Filmbibliothek der Kirch-Gruppe anschaue, über die wir verfügen, enthält diese nicht nur deutsche Filme. Oder Jugendfilm, die hier in Berlin waren, von denen wir auch die Bibliothek haben. Ein klarer Schwerpunkt auf deutsche Filme liegt zum Beispiel in der Library des „Filmverlag der Autoren“, wo Cineasten viele Werke des „Neuen deutschen Films“ von Wim Wenders, Werner Herzog und vielen anderen Regisseuren finden.

promedia: Auf welchem Ihrer vier Geschäftsfelder Kino, Home Entertainment, Media Distribution und Produktion liegt Ihr Tätigkeitsschwerpunkt?
Wolfgang Braun: Das Rückgrat der Kinowelt bleibt natürlich auch das Rückgrat bei Studiocanal. Das ist der Home Entertainment-Bereich, der aus dieser großen Bibliothek heraus die meisten Titel verwertet, verkauft, anbietet, zum Teil in diesen Sammelboxen, wo man auch Klassiker unter die Leute bringen kann, von denen viele gar nicht wussten, dass es diese noch zu sehen gibt. Aber klar ist der Lizenzhandel gerade dadurch ein Wachstumsgebiet, dass sich die neuen Medien weiter entwickeln – von Onlineportalen bis dahin, dass sich die Leute auf ihrem iPad oder Smartphone Filme anschauen. Das ist eine neue Entwicklung und in diesem Markt wird sich einiges tun.

promedia: Sie wollen die Einführung neuer Plattformen fördern, um auf diese veränderten Sehgewohnheiten der Nutzer einzugehen. Um welche Plattformen handelt es sich hierbei?
Wolfgang Braun:
Wir sind sehr aktiv und konnten vor kurzem einen Content-Vertrag mit Lovefilm, der Filmplattform von Amazon, abschließen. Ein weiteres Beispiel ist die Plattform zaOza unserer Schwesterfirma Vivendi Mobile Entertainment. Über diese Plattform kann man sich auf Mobilgeräten ganze Spielfilme anschauen. Da sind wir bereits involviert und in dem Bereich wird sich auch noch mehr entwickeln. Außerdem arbeiten wir in Deutschland auch schon mit allen anderen Anbietern wie iTunes, Sony oder Microsoft zusammen.

promedia: Wie groß ist Ihr Engagement im Bereich der Digitalisierung?
Wolfgang Braun: Wir haben bereits mehr als 2.000 Filme digitalisiert. Die Digitalisierung ist ein aufwändiger Prozess, weil wir bei alten Filmen auch gleichzeitig eine Restaurierung versuchen um sie auch möglichst in optimaler Qualität, so wie sie einmal waren, zu haben. Die Filme werden sowohl in Frankreich als auch in Deutschland digitalisiert.

Wolfgang Braun, Chairman und CEO von Studiocanal in Deutschland

Über Wolfgang Braun

  • Studium Rechtswissenschaften
  • Mitte der 80er Jahre Entwicklung und Planung der ersten Multiplex-Kinos in Deutschland
  • 1987 Gründung der United Cinemas International Multiplex GmbH (UCI)
  • 1992 – 2008 Senior Vice President der Walt Disney Company
  • 1999 – 2004 zusätzlich Geschäftsführer der Buena Vista Home Entertainment GmbH
  • 2008 Mitbegründer der MoreMovies Entertainment, Gesellschafter und Co-Geschäftsführer
  • Seit 2009 CEO von Kinowelt / Studiocanal
Weitere Informationen: promedia

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