Wir sind ein sehr interessanter Sparringspartner. Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie e. V. im Gespräch mit promedia

In einem promedia-Gespräch appelliert der neue Geschäftsführer des Bundesverbandes der Musikindustrie, eingedenk eigener, schlechter Erfahrungen an andere Kreativbranchen, „darauf zu achten, früh genug ihre Rechte konsequent wahrzunehmen und damit eben auch zu schützen, sowie natürlich entsprechende Angebote für Verbraucher zu schaffen.“ Trotz deutlicher Zuwächse bei bezahlten Downloads um 40 Prozent im 1. Halbjahr 2010, ist das Ausmaß der Piraterie noch immer erschreckend: Auf einen legal erworbenen Song kommen immer noch rund fünf bis sechs illegale Downloads. Allein im letzten Jahr sind 258 Millionen Files aus illegalen Tauschbörsen und One-Click-Hostern heruntergeladen worden.

Dr. Florian Drücke
Dr. Florian Drücke

promedia: Herr Drücke, die Zeitschriftenverleger haben jüngst festgestellt: „Print is back!“ Können Sie auch sagen: „CD is back“?
Florian Drücke: Die CD ist noch nie weg gewesen, auch wenn manche seit Langem tönen, sie sei bereits tot. Die CD ist im Vergleich zu Print nicht wieder da, sie ist noch immer da und macht rund 80 Prozent des Gesamtumsatzes in Deutschland aus. Das macht uns in Deutschland, im Vergleich zu anderen europäischen und internationalen Märkten, derzeit stark.

promedia: Welche Musik wird auf CD noch gekauft?
Florian Drücke: In diesem Kontext ist das eine sehr spannende Frage: Die Musikindustrie veröffentlicht das gesamte Repertoire auf CD. Jeder bekommt die Musik die er persönlich bevorzugt nach wie vor auf CD. Man kann aber sicherlich sagen, dass  Musik, die ältere Zielgruppen anspricht (Klassik, Jazz, Volksmusik und Schlager), prozentual mehr über die CD verkauft wird als über den Download. Hingegen werden tendenziell Pop und Rock sowie Dance in der jüngeren Zielgruppe vermehrt über Download gekauft.

promedia: Worauf führen Sie zurück, dass die Mehrzahl noch immer Anhänger der CD ist?
Florian Drücke: Wir scheinen mit Deutschland ein besonderes Umfeld zu haben, in dem das haptische Erlebnis besonders hoch geschätzt wird und in dem der Sammelaspekt, die Musik im Regal zu haben und darauf zugreifen zu können, eine wichtige Rolle spielt. Darüber hinaus nehmen unsere Mitgliedsfirmen den physischen Markt auch ernst und bauen parallel dazu den wichtigen digitalen Markt aus. Der Verbraucher kann so entscheiden, in welcher Form er Musik kaufen möchte.

promedia: Deutschland wurde 2009 zum drittgrößten Musikmarkt weltweit, hat sogar Großbritannien überholt. Wie ist das erreicht worden?
Florian Drücke: Ehrlich gesagt ist das im Wesentlichen auch der Tatsache geschuldet, dass der britische physische Markt sehr instabil geworden ist. Meines Erachtens haben wir es geschafft, das „klassische Musikgeschäft“, hier verstanden als Verkauf der CD, parallel zur Einführung des Digitalgeschäftes nicht zu vernachlässigen. Das hat sich im internationalen Vergleich als die richtige Strategie erwiesen. Ob wir letztlich Dritter oder Vierter sind, spielt aber kaum eine Rolle, da es darum geht, Musik überall für den Verbraucher attraktiv zu machen.

promedia: Wie ist das Jahr 2010 für die Musikindustrie gelaufen?
Florian Drücke: Wir konnten im ersten Halbjahr neben dem zufriedenstellenden Absatz bei den CDs fast 40 Prozent Umsatzsteigerung bei den Musikdownloads registrieren – eine deutliche Steigerung. Wir haben übrigens vor zwei Jahren zum ersten Mal festgestellt, dass vor allem der Bundlesbereich einen starken Absatz generiert und nicht nur der Download von einzelnen Titeln. Der User will also auch digital das gesamte Album und scheint es ernst zu nehmen, dass ein Album oft ein Werk an sich ist. Das wird gewollt, auch digital. Generell erwarten wir aber in 2010 wieder einen leichten Rückgang der Umsätze.

promedia: Die Musikwirtschaft war die erste Medienbranche, die von der Digitalisierung negativ getroffen wurde. Wo steht die Musikindustrie heute bei diesem Wandlungsprozess?
Florian Drücke: Provokant gesagt: Sie ist die Avantgarde. Wenn man bedenkt, dass wir der digitalen Revolution als Erste ausgesetzt waren. Unsere Files sind schlicht so klein und der Qualitätsverlust ist so gering, dass Musik auch zu Zeiten geringerer Bandbreite schnell und einfach im Internet getauscht, up- und downgeloadet werden konnte. Wenn man sich die Konkurrenz mit den illegalen Umsonst-Angeboten anschaut, lässt sich feststellen, dass wir inzwischen einiges auf dem Weg in die digitale Zukunft erreicht haben: Mittlerweile können User in Deutschland auf über 40 z.T. ganz verschieden ausgestaltete legale digitale Musikangebote zurückgreifen, die all das anbieten, was er will. Er kann werbefinanziert konsumieren, für eine geringe Monatspauschale ein Abo abschließen, ein ganzes Album kaufen, sich den Einzeltitel seiner Wahl heraussuchen, nur Streams konsumieren oder schlicht Webradios hören. Mittlerweile sind über 13 Millionen Songs online. Keiner kann mehr behaupten wir würden Musik nicht dort anbieten, wo der Verbraucher Musik konsumieren will. Im Vergleich zu anderen Branchen sind wir damit extrem weit.

promedia: Sie setzen im Wesentlichen auf Paid Content. Andere Branchen versuchen das gerade erst durchzusetzen…
Florian Drücke: In der Tat und von Beginn an, ganz konsequent. Nach meinem Eindruck wurde zu Beginn aber in der Debatte um Urheberrechtverletzungen im Internet die Tatsache oft nicht ernst genommen, dass man – egal, ob man nun Musik oder Filme oder Bücher im Internet verkaufen will, mit illegalen kostenlosen Angeboten schlicht nicht konkurrieren kann. Das scheint in der Diskussion nun durch die Betroffenheit anderer Branchen und die Geschlossenheit des Auftretens langsam ins Bewusstsein zu gelangen.

promedia: Wie ist das Verhältnis zwischen Musik, die legal und illegal aus dem Netz geladen wird?
Florian Drücke: Auf einen legal erworbenen Song kommen immer noch rund fünf bis sechs illegale Downloads. Allein im letzten Jahr sind 258 Millionen Files aus illegalen Tauschbörsen und One-Click-Hostern heruntergeladen worden. Das ist schon gewaltig. In der Diskussion wird uns oft vorgeworfen, wir würden jedes illegale File mit einem verlorenen Verkauf gleichsetzen. Das tun wir nicht. Aber wenn von diesen illegalen Downloads nur ein gewisser Prozentsatz gekauft würde, was wohl keiner bestreiten wird, würde der legale Onlinemarkt deutlich wachsen.

promedia: Sie sprachen eingangs von einem Plus von 40 Prozent. Bedeutet das, dass automatisch der illegale Download zurückgeht?
Florian Drücke: Leider nicht. Es ist ein Gemisch aus der stetigen Erweiterung des legalen Angebots, der Aufklärung darüber, dass es die Angebote gibt und was illegale Nutzung für alle Betroffenen, also auch die Künstlerinnen und Künstler, bedeutet sowie der Abschreckung. Dass sowohl die Zahl der illegal genutzten Files sowie die Zahl der Tauschbörsennutzer deutlich zurück geht und parallel die Zahl der legalen User ansteigt, zeigt, dass diese Strategie erfolgreich ist.

promedia: Heißt das, dass man nur abwarten muss?
Florian Drücke: Nein, wir müssen weiterhin aufklären und auch abschrecken. Wir sprechen bei illegaler Contentnutzung von über 4,5 Millionen Menschen die sich rechtswidrig mit Musik, Filmen, Hörbüchern oder Games versorgen. Es geht uns darum als Kreativbranche gemeinsamen mit den Internet-Providern und der Politik ein deutliches Stück weiterzukommen und dabei insgesamt in unserer Gesellschaft das Bewusstsein für den Wert kreativer Leistungen zu stärken.

promedia: Das heißt, Sie ändern Ihre Strategie, den Einzelnen, der illegal downloadet, rechtlich zu verfolgen?
Florian Drücke: Nein, wir bleiben bei der individuellen Rechtsverfolgung. Ursprünglich gab es nur das strafrechtliche Vorgehen. Wir sind sehr froh, dass nun zivilrechtlich vorgegangen werden kann. Als wir 2003 mit der Verfolgung von Urheberrechtsverfolgungen angefangen hatten war das ein schwieriger Schritt für die Branche, aber es war allen klar, dass man zeigen muss, dass man bei Rechtsverletzungen im Internet entdeckt werden kann. Aber wir fordern seit Langem, dass der ermittelte Täter zunächst eine Warnung erhalten soll, statt gleich mit einer kostenpflichtige Abmahnung konfrontiert zu sein. Dem Nutzer muss mitgeteilt werden, dass er erwischt wurde und es nicht wieder tun soll und auch dass es legale Angebote gibt. Erst dann sollte eine ernstzunehmende Sanktion folgen. Letztlich steigert das nach unserer Meinung nicht nur die Akzeptanz sondern auch die Medienkompetenz.

promedia: Die Justizministerin hat sich in Ihrer Berliner Rede für dieses Warnmodell ausgesprochen, gleichzeitig aber erklärt, es dürfe keine komplette Überwachung des Datenverkehrs stattfinden…
Florian Drücke: Es ist keine komplette Überwachung notwendig, sondern vielmehr eine Ermittlung von Rechtsverletzungen, vergleichbar mit Ermittlungen auf Flohmärkten, ob und wie ein bestimmtes illegales Produkt angeboten wird.

promedia: Könnten Sie nicht mit dem gegenwärtigen Zustand leben, dass die Bundesregierung eine Sperrung der Onlinezugänge ablehnt, weil die Entwicklung positiv ist und Sie mit den Verlusten klarkommen, so wie andere Branchen auch?
Florian Drücke: Nein, gerade weil unsere Probleme über die Diskussion der richtigen Sanktion für eine wiederholte Rechtsverletzung hinausgehen, können wir uns an dieser Stelle mit dem Status Quo nicht zufriedengeben. Selbst die vergleichbar hohen Wachstumsraten beim legalen Download kompensieren ja nicht die Verluste durch illegale Nutzungen. Solange die Rechtsverletzungen solche Ausmaße haben, können wir das nicht ignorieren, nur weil das Politische bequemer wäre. Gerade weil die Rechtsverletzungen so unterschiedliche Facetten beinhalten, die ganz verschiedene handelnde Personen und Firmen involvieren, müssen wir hier auch weiterhin unbequem sein.

promedia: Muss aber die Diskussion so absolut geführt werden: grundsätzlich nicht sperren sondern löschen? Sehen Sie keine Kompromissmöglichkeiten?
Florian Drücke: An der Stelle muss man genau anschauen, worüber man spricht und dann analysieren, was letztlich wirksam ist. Uns ist dabei ein effizienter Schutz und die Möglichkeit der Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums wichtig. Auf dem Weg dorthin kann man vieles diskutieren. In diesem Kontext müssen dann aber auch Lösungen angeboten werden, z.B. für den Fall wenn das Löschen von diversen Seiten nicht funktioniert, weil die Server im Ausland stehen und unser Rechtssystem dort nicht zur Anwendung kommt. Wenn man konsequent und unter Beachtung der Vielfalt von Rechtsverletzungen die Frage diskutiert, wie wir eine effiziente Durchsetzung ermöglichen können, kann man Einzelthemen abschichten. Diese Diskussion setzt natürlich voraus, dass wir als Gesellschaft eine Durchsetzung von Rechten im Internet wollen, aber diesen Konsens nehme ich an dieser Stelle einfach einmal an.

promedia: Nahezu jeder Politiker erklärt inzwischen, dass der Wille der Politik grundsätzlich vorhanden ist, die Rechte der Urheber und Kreativen zu schützen…
Florian Drücke: Die Aussage, das Internet ist kein rechtsfreier Raum, unterschreibt mittlerweile fast jeder. Nur, ob er bereit ist, die andere Seite der Medaille zu betrachten und zu überlegen, was man tun muss um die angemessene Durchsetzung der Rechte von geistigem Eigentum in der digitalen Welt auch zu gewährleisten, ist die Frage, die uns viele der Politiker nicht beantworten können oder wollen. Für wichtig halte ich übrigens darüber hinaus eine Diskussion über den Umgang mit dem Thema „Privatkopie“. Man muss hier sehr wachsam sein, da sonst die Privatkopie weiter als Vehikel nutzbar gemacht wird, um User z.T. im Graubereich „mit Kopien zu versorgen“. Hier ist die Musikwirtschaft einmal mehr besonders exponiert, weil es längst Dienste gibt, die Usern z.B. aus Webradios die gewünschten Songs gegen die Zahlung einer Pauschale, an der weder Künstler noch Firmen beteiligt werden, besorgen. Ausgerechnet an dieser Stelle wird immer wieder versucht, die gegenwärtige Ausformung der Privatkopie unter Zuhilfenahme ihrer analogen Vergangenheit zu verteidigen.

promedia: Was können die anderen Medienbranchen von Ihrem Leid und Ihren positiven Erfahrungen für den eigenen Umgang mit der digitalen Welt und mit digitalen Geschäftsmodellen lernen?
Florian Drücke: Sie sollten darauf achten, früh genug ihre Rechte konsequent wahrzunehmen und damit eben auch zu schützen, sowie natürlich entsprechende Angebote für Verbraucher zu schaffen. Sie müssen gemeinsam mit uns daran interessiert sein, die deutliche Eindämmung der illegalen Angebote herbeizuführen, damit der legale Markt florieren kann. An anderen Stellen können viele Branchen sehen, dass Themen wie etwa der On-Demand Verkauf, der Verkauf über ganz verschiedene Formen von Abomodellen, die Werbefinanzierung oder aber schlicht die Nutzung von Netzwerken im Internet für Promotion zur Kundenbindung funktionieren können. Insofern sind wir ein sehr interessanter Sparringspartner, trotz aller Unterschiede, die es über die Branchen hinweg gibt.

Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie e. V.

Über Dr. Florian Drücke

  • Studium Rechtswissenschaften, 2004 Promotion an der Universität Greifswald
  • 2006 – 2008 Justiziar des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft
  • 2008 – 2010 Leiter Recht & Politik
  • Seit 1. November die Geschäftsführung des Bundesverbandes Musikindustrie e. V.

Weitere Informationen: promedia

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