Unsere Ziele sind: Qualität, Alleinstellung und Wirtschaftlichkeit. Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios im Gespräch mit promedia

Vor einem Jahr ist mit DRadio Wissen das dritte Programm des Deutschland-Radios gestartet. Neben dem digitalen Satelliten ist das Programm vor allem über das Internet zu empfangen. 30.000 mal wird das Wissens-Angebot im Schnitt täglich abgerufen. Der Intendant des Deutschlandradios Willi Steul bezeichnete das in einem promedia-Gespräch als „äußerst positiv und äußerst ermutigend“.
In dem Gespräch charakterisiert Willi Steul die Vorschläge zu einer Fusion von deutscher Welle und Deutschlandradio aus verfassungsrechtlichen Gründen als nicht realisierbar.

Dr. Willi Steul
Dr. Willi Steul

promedia: Seit fast einem Jahr sendet DRadio Wissen, wie ist die Bilanz?
Willi Steul: Äußerst positiv und äußerst ermutigend. 30.000 Streaming-Abrufe täglich, stabil im Schnitt. Wir hatten beim Start eine sehr positive Presseresonanz und diese Reaktion hat sich später auch in einer aktiven Hörerbeteiligung widergespiegelt. Unsere Sendung „Redaktionskonferenz“ zum Beispiel, oder der Sendeplatz „Hörsaal“, wo wir Vorlesungsmitschnitte ausstrahlen, sind ein wahrer Renner. Nicht zu vergessen Alan Bangs, bekannt als Rock-Palast- und BFBS-Moderator, oder Mike Litt, der bekannte DJ, der mit seinem Angebot ganz neue, jüngere Hörerschichten erschließt.
Das Ganze ist noch immer ein Experimentierfeld und soll es auch bleiben. Die intensiven Kontakte und die Anregungen der Hörer haben zum Beispiel dazu geführt, dass das Musikangebot am Wochenende erweitert wurde. Interessant ist auch, dass man einem jüngeren Publikum durchaus auch längere Beiträge anbieten kann: Die durchschnittliche Länge eines Beitrags liegt bei sieben bis acht Minuten.

promedia: Haben Sie damit insgesamt mehr Hörer gewonnen für Deutschlandradio oder hören die Hörer der ersten beiden Programme jetzt DRadio Wissen?
Willi Steul: DRadio Wissen hat neue Hörer gezogen, was auch intendiert ist. Gleichzeitig sagt die MA, dass der Deutschlandfunk bei 1,5 Millionen täglichen Hörern stabil geblieben ist und Deutschlandradio Kultur in 2010 mit 450.000 täglichen Hörern sein bestes Ergebnis eingefahren hat. Da wird niemand verdrängt. Bemerkenswert ist aber die Beobachtung, dass mit dem Start von DRadio Wissen die Internetzugriffe bei Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur signifikant zugenommen haben. Die einzige Erklärung ist, dass Internet-Nutzer über DRadio Wissen offenbar die beiden Kernprogramme erst wahrgenommen haben. Ob und wie sich das in Hörerzahlen ausdrücken wird, muss man sehen.

promedia: Immer mehr Radioprogramme erreichen ihre Hörer über das Internet, indem dort die Angebote gestreamt werden. Wie sieht das bei Ihren drei Angeboten aus?
Willi Steul: Wir gehörten vor zehn Jahren mit zu den Ersten, die ihre Programme per Livestream angeboten haben. Im Januar dieses Jahres kam dann DRadio Wissen dazu. Zurzeit haben wir vier Millionen Streaming-Abrufe monatlich und das mit ständig steigender Tendenz. Ich bin sehr zufrieden. Mehr als zufrieden, ja geradezu euphorisch, bin ich über die Entwicklung bei Downloads und Audio-on-Demand, also beim aufs Internet gestützten Nachhören von Beiträgen. Wir konnten 2009 50 Millionen Zugriffe zählen und werden 2010 die stolze Zahl von 120 Millionen erreichen, im Schnitt sind es zehn Millionen im Monat.

promedia: Sie bieten auch Applikationen für den mobilen Empfang an. Wie sind hier Ihre Erfahrungen?
Willi Steul: In unseren Applikationen für das iPhone und andere Smartphones bieten wir die drei Programme, sowie Zusatzinformationen an: Das sind die Nachrichten, die Presseschau, das Wetter, Verkehr und eine Programmvorschau. Deutschlandradio Kultur hat seine Kulturnachrichten im Angebot. Zusätzlich kann der Hörer noch einen Rekorder nutzen, mit dem die laufenden Programme mitgeschnitten werden können.
Alle Angebote werden bestens nachgefragt. So kann die iPhone-Applikation „dradio hören“, die es seit Juli 2009 gibt, ca. 38.000 (Stand September) Downloads verzeichnen.

promedia: Sind auch kostenpflichtige Apps bei Ihnen in Vorbereitung?
Willi Steul: Nein.

promedia: Nun planen Sie, wie Sie in einem Interview kürzlich angekündigt haben, einen vierten Sender, um Ihre Archive anzubieten. Warum?
Willi Steul: Damit keine Missverständnisse entstehen: Wir planen kein viertes Programm und dies ist derzeit auch absolut nicht opportun. Ich habe auf eine diesbezügliche Frage erklärt, dass ich mir bei einer zukünftigen Entwicklung nur ein einziges Programm vorstellen könnte, das unser Deutschlandradio-Bouquet sinnvoll ergänzen würde. Nämlich eine gemeinsam mit den Landesrundfunkanstalten der ARD betriebene „Musik-Plattform“ zur sinnvollen Nutzung unserer in den Archiven schlummernden klassischen Musik-Schätze, an denen wir die Rechte halten. Das ist alles schon von Ihnen mit Gebührengeldern bezahlt, das ist das gemeinsame kulturelle Erbe des Rundfunks und wird derzeit nur sehr begrenzt genutzt. Es würde auch kommerzielle Radio-Interessen nicht tangieren, da nur wir über diese Schätze verfügen.

promedia: Was haben Sie zu bieten?
Willi Steul: Zum Beispiel viele Aufnahmen von Furtwängler oder von Celibidache beim Süddeutschen Rundfunk, heute SWR, und Bayerischen Rundfunk. Zu den Schätzen gehören auch z.B. die Aufnahmen von Günter Wand mit dem Sinfonieorchester des NDR. Von unserer Seite des Deutschlandradios und der roc GmbH die Produktionen vom Deutschen Symphonieorchester Berlin, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem RIAS Kammerchor und dem Rundfunkchor Berlin. Das sind Archivschätze, über die die kommerziellen Radiobetreiber nicht verfügen.

promedia: Aber das könnten Sie doch zum Download anbieten.
Willi Steul: Nein, zum Download können wir das nicht anbieten, weil wir gerade bei den Archiv-Klassikern über die Rundfunkrechte und nicht die Internetrechte verfügen.

promedia: Sie kommen mit Ihrer Idee zu einer Zeit, in der der Chef der sächsischen Staatskanzlei Johannes Beermann eine Verschlankung fordert und eine engere Zusammenarbeit von Deutschlandradio und Deutscher Welle vorschlägt. Was halten Sie von dieser Idee?
Willi Steul: Minister Beermann hat – so zumindest Presseberichte – zunächst sogar von einer Zusammenführung gesprochen, aber mittlerweile gemerkt, dass dies schon staatsrechtlich nicht möglich ist.

promedia: Warum geht das staatsrechtlich nicht?
Willi Steul: Die Deutsche Welle darf in Deutschland nicht senden, da sie ein Auslandsfunk ist. Rundfunk in Deutschland ist nach Grundgesetz aber Angelegenheit der Länder. Die Deutsche Welle existiert in der direkten Finanzierung durch den Staat und den Bundestag. Das geht staatsrechtlich nur, weil sie für das Ausland sendet. Man kann staatsrechtlich die Deutsche Welle mit dem Auftrag und der Finanzierung über den Bund nicht mit Deutschlandradio zusammenschließen.

promedia: Ist eine stärkere Kooperation mit der DW denkbar?
Willi Steul: Es gibt bereits auf der Verwaltungsebene eine Kooperation mit der Deutschen Welle, für beide Seiten wirtschaftlich interessant. Und mein Kollege Erik Bettermann hat das Angebot, dass wir ihm sofort Programmteile von Deutschlandradio zur Verfügung stellen, falls es ihm zur Realisierung seines Auftrages nützlich erscheint und rechtlich möglich ist.

promedia: Wie ist der Stand der Zusammenarbeit mit den ARD-Anstalten? Wo existieren Kooperationen?
Willi Steul: Deutschlandradio beteiligt sich an den Kosten des Hörfunk-Auslandskorrespondentennetzes. Unsere eigenen Korrespondenten stehen den Schwesterprogrammen der ARD zur Verfügung. ARD-Sender wie der Hessische Rundfunk übernehmen Produktionen von uns – wie im Fall der Kindersendung „Kakadu“ sogar täglich – und wir von ihnen. Wir geben auch dem Saarländischen Rundfunk und Radio Bremen Sendungen. Es existieren zudem zahlreiche Koproduktionen im Hörspiel- und Feature-Bereich. Wir kooperieren außerdem in der technischen Nutzung bei Außenübertragungen und Konzertmitschnitten, und, und, und. Wir sind zwar eigenständig neben ARD und ZDF, spielen aber im Familienkreis mit.

promedia: Wie ist diese Zusammenarbeit ausbaufähig?
Willi Steul:
Programmlich habe ich im Moment keine weitergehenden Kooperationsvorstellungen, aber wir überlegen gegenwärtig, ob wir nicht technisch stärker zusammenarbeiten können. Wenn jemand eine Programmkooperation haben will, dann bekommt er sie.

promedia: Am 29. November 1960 wurde der Deutschlandfunk auf der Basis des im Bundesrecht verankerten Gesetzes zur Errichtung von Rundfunkanstalten gegründet. Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Leistung des Senders in diesen fast 50 Jahren gewesen?
Willi Steul: Der Deutschlandfunk hat immer den Gedanken des geeinten Deutschlands im Bewusstsein gehalten, so wie der RIAS, aus dem zusammen mit DS-Kultur Deutschlandradio Kultur hervorgegangen ist. Nach der Wende hat der Deutschlandfunk, als Teil des Deutschlandradios und zusammen mit Deutschlandradio Kultur, den Prozess des Zusammenwachsens begleitet und tut das noch immer. Das ist sein Verdienst.

promedia: Wo sehen Sie für die nächsten Jahrzehnte die wichtigsten Aufgaben?
Willi Steul: Wir werden unsere notwendigen Entwicklungsprozesse unter drei Zielvorgaben stellen: Qualität, Alleinstellung und Wirtschaftlichkeit. Wir werden bei allem Tun journalistische und inhaltliche Qualität bewahren und, womöglich, noch steigern. Wir sind relevant für die Menschen, um ihnen Orientierung in dieser Welt zu geben. Als nationaler Hörfunk haben wir ein Alleinstellungsmerkmal und sind auch ein Maßstab im öffentlich-rechtlichen System. Und wir müssen die Wirtschaftlichkeit angesichts wohl knapper werdender Ressourcen weiter steigern. Das sind ziemlich anspruchsvolle Herausforderungen.

Dr. Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios

Über Dr. Willi Steul

  • Geboren: 28. April 1951
  • 1969 – 1978 Studium Ethnologie, Philosophie, kath.Theologie, Geschichte
  • 1972 – 1973 Forschungen in Afghanistan
  • 1976 – 1977 Dozent Universität Kabul, ab 1978 SWF Baden-Baden
  • 1982 – 1987 ARD-Korrespondent Hörfunk
  • 1992 – 1994 SWF/SDR-Studio Bonn
  • 1994 – 1998 Chefredakteur DeutschlandRadio Berlin
  • 1998 – 2009 Direktor Baden-Württemberg
  • Seit 2009 Intendant des Deutschlandradios

Weitere Informationen: promedia

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