Wolfgang Holzhäuser im Interview mit SPOX. Denkansätze zur Unterhaltungsindustrie Fußball

Wolfgang Holzhäuser, Associate Partner Goldmedia, Bildquelle: © KSmediaNET
Wolfgang Holzhäuser, Associate Partner Goldmedia, Bildquelle: © KSmediaNET

SPOX-Redakteur Jochen Tittmar traf Goldmedia-Partner Wolfgang Holzhäuser in Leverkusen zu einem Interview.  Darin spricht der langjährige Leverkusen-Geschäftsführer über aktuelle Probleme “seiner” 50+1-Regel, ein mögliches Draft-System im deutschen Fußball und den Fehler, Mesut Özil sowie Ilkay Gündogan nicht gekauft zu haben. Zudem kritisiert er die Einführung des Financial Fairplay.

Wir veröffentlichen Auszüge aus dem Interview  “Wieso kein Draft-System?” (19.10.2015) mit freundlicher Genehmigung der SPOX-Redaktion.

SPOX: Herr Holzhäuser, es liegt zwei Jahre zurück, dass Sie nach 38 Jahren im Fußballgeschäft von Ihrem Amt als Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen zurücktraten. Vermissen Sie etwas?

Wolfgang Holzhäuser: Ich bin als Mitglied des Gesellschafterausschusses bei Bayer 04 ja nicht ganz außen vor. Manchmal fehlt mir aber etwas die Nähe zum Fußball, vor allem die Zeit während der Vorbereitung auf eine neue Saison. Das war immer die intensivste Phase, da es dann eine gewisse Grundeuphorie gibt. Man fährt ins Trainingslager, hat neue Spieler oder einen neuen Trainer hinzu bekommen, ist nah an der Mannschaft dran und kann die zwischenmenschlichen Töne viel besser einschätzen.

[….]

SPOX: Gab es in der Zwischenzeit schon einen Moment, in dem Sie besonders gemerkt haben, dass Sie der Fußball noch immer packt?

Holzhäuser: Das war beim Leverkusener Phantomtor in Hoffenheim, ich war zu der Zeit mit meiner Frau am Gardasee. Ich habe den Stefan Kießling noch bildlich vor mir, wie er sich geärgert hat. Mir war klar, was kommen würde. Deshalb habe ich noch während des Spiels verzweifelt versucht, telefonisch die beiden Bayer-Pressesprecher und Rudi Völler zu erreichen. Bis meine Frau dann sagte: Das geht dich nichts mehr an!

[….]

SPOX: Sie traten häufig als streitbarer Revoluzzer auf, dessen Querdenker-Image neue Denkanstöße lieferte, manchen aber auch auf die Nerven ging. Wie kam das zustande?

Holzhäuser: Das hat sich über viele Jahre so ergeben und verfestigt. Ich habe das später sicher auch ein wenig gepflegt. Ich sagte gerne bei Diskussionen, in denen es um vermeintlich große Probleme ging, die eigentlich aber kleine waren: “Bevor ihr eine Entscheidung trefft, setzt euch gedanklich doch auch einmal auf die andere Seite des Tisches und versetzt euch in die Lage des Präsidenten des Klubs, den ihr gerade bestrafen wollt. Wenn ihr dann zum gleichen Ergebnis wie zuvor kommt, setzt es um.” Man sollte die Dinge immer auch einmal von der anderen Seite betrachten. Vielleicht komme ich dann am Ende zu einem anderen Ergebnis, als es sich der Mainstream wünscht.

SPOX: Eines der Ergebnisse, das Sie zusammen mit DFB-Vizepräsident Wilfried Straub federführend auf den Weg brachten, war die Einführung von 50+1. Wie denken Sie heute über diese Regelung?

Holzhäuser: Es drängt mich geradezu, das einmal klar zu stellen: 50+1 war ein Segen für den deutschen Fußball. Ich sage bewusst “war”. Denn man hat vergessen, 50+1 analog zur Entwicklung des Fußballs weiter zu entwickeln. So wie es momentan in Deutschland gehandhabt wird, ist es eine kontraproduktive Mauer gegenüber der Kreativität von Unternehmen, Firmen und Vereinen. Dasselbe gilt im Übrigen für das Financial Fairplay.

[…]

SPOX: Wie ist diese Regel damals entstanden?

Holzhäuser: 50+1 ist aus ganz banalen Gründen geschaffen worden. Es ging um die Einführung von Kapitalgesellschaften im Fußball. Denn es muss jedem Klub die Möglichkeit gegeben werden, seine eigene Kreativität auszuschöpfen. Es wird nämlich immer Standorte geben, an denen man beispielsweise aufgrund geringer Einwohnerzahl zu anderen Möglichkeiten greifen muss, um mit der Spitze mithalten zu können. Egidius Braun war zu dieser Zeit DFB-Präsident und er hat bei einer Sitzung der zuständigen Kommission dann irgendwann gesagt: ‘Wissen sie was? Ich kann es nicht mehr hören! Jetzt machen sie endlich ihre Kapitalgesellschaften. Doch eines sage ich euch: der Fußball muss das Sagen behalten.’ Straub entgegnete: ‘Dann lassen sie es uns doch so machen, dass 51 Prozent dem Verein gehören müssen.’ So ist das damals entstanden, Brauns Machtwort war die Initialzündung.

SPOX: Eigentlich wollte man den Einfluss von Kapitalgesellschaften verhindern, um dem Wettbewerb nicht zu schaden.

Holzhäuser: Das ist jedoch genau der falsche Ansatz, da der Wettbewerb durch ganz andere Dinge viel mehr gefährdet wird. Ich habe früher schon gesagt, dass es ein viel größeres Problem darstellt, wenn die damalige Bank für Gemeinwirtschaft bei drei Klubs über Nacht die Kredite kündigt oder ein Vermarkter diverse Vereine durch den Einkauf von Werberechten übernimmt und bezuschusst. Ganz zu schweigen von Spieleragenturen, die eine Mehrzahl von Spielern bei einem Verein platzieren und aus rein egoistischen Gründen versuchen, Einfluss auf sportliche Belange von Klubs zu nehmen. Da ist der Anschein, dass der Wettbewerb beeinflusst wird, viel größer, als wenn jemand bei einem einzigen Verein 100 Prozent besitzt – denn das wäre ja dann ganz allein die Entscheidung des entsprechenden Klubs. Die Vereine alleine entscheiden darüber, ob sie beherrscht werden wollen oder nicht. Der Verband hat nicht das Recht, darüber zu entscheiden, sondern nur das Recht, den Wettbewerb zu schützen – und der würde dadurch nicht beeinflusst.

SPOX: 50+1 sollte Ihrer Meinung nach also gelockert werden?

Holzhäuser: Ich hätte gerne einmal gewusst, weshalb 51 Prozent der Anteile nicht kontrolliert, 49 Prozent aber kontrolliert sind. Es kann doch durchaus sein, dass jemand, der beispielsweise 25 Prozent in Darmstadt und dazu weitere 25 Prozent in Hoffenheim besitzt, den Wettbewerb viel eher gefährdet als jemand, der in Darmstadt 100 Prozent besitzt. Ergo müsste man im Rahmen des Lizensierungsverfahrens jede Art der Beteiligung prüfen und schauen, inwieweit der Einfluss auf den Wettbewerb gegeben ist. Deshalb sage ich: 50+1 muss nicht weg, aber verbessert werden. Und zwar derart, dass der Verband wie eine Art Kartellsenat im Rahmen der Lizensierung prüft, ob durch eine besonders wettbewerbsgefährdende Situation eine Stellung erworben wird, die dem Fußball schadet.

[…]

SPOX: Hat der Fußball durch die Geldpolitik der Neureichen ein Problem, das nur durch bereits andiskutierte Mittel wie ein Draft-System oder ein Salary Cap behoben werden kann?

Holzhäuser: Das Geld an sich, das in den Fußball kommt, ist nicht das Problem. Es bleibt ja mehr oder weniger im Fußball-Kreislauf und dient jedem so ein bisschen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass man heute nicht mehr eine Mannschaft zusammenstellen und nachhaltig aufbauen kann, um mit ihr irgendwann einmal ein Niveau zu erreichen, auf dem man mit den Besten mithalten kann. Immer dann, wenn ein, zwei eigene Spieler eine gewisse Klasse darstellen, holen die großen Vereine genau diese Diamanten weg und man muss wieder von vorne anfangen. Das ist das Problem. Wieso also beispielsweise kein Draft-System? Das wäre sicherlich interessant.

SPOX: Wie sollte das in Ihren Augen aussehen?

Holzhäuser: Die sportlich schwächsten Vereine sollen über einen Draft die Möglichkeit haben, die interessantesten Spieler vom Markt zu holen. Natürlich nicht gegen den Willen des Spielers, denn der muss immer die Chance haben, Ja oder Nein zu sagen. Ein Draft ist wirklich ein konstruktiver Vorschlag, der allerdings einer Rechtsgrundlage bedarf. Doch das wäre im Rahmen der EU in Abstimmung mit den einzelnen Ländern für meine Begriffe machbar. Man muss nur wollen. Es ist für mich noch nie ein Argument gewesen zu sagen: Das ist nicht machbar.

[…]

SPOX: Ist der Fußball für solch innovative Veränderungen nicht grundsätzlich zu konservativ?

Holzhäuser: Das ist er in vielen Bereichen sicherlich, er hat über zahlreiche Jahre hinweg auch von seiner einfachen Natur gelebt. Das ist aber eine Verklärung dessen, was Fußball mittlerweile geworden ist. Fußball ist Business, eine Unterhaltungsindustrie mittels Fußball. Und dem muss man sich stellen. Doch das macht man nicht. Siehe das Thema Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters.

SPOX: Was meinen Sie genau?

Holzhäuser: Wir haben heutzutage in jedem Stadion über 20 Kameras, die das Spielgeschehen aus allen erdenklichen Blickwinkeln einfangen. Doch wir drücken jedem Klub eine spezielle Torkamera für mehrere hunderttausend Euro auf. Bezogen auf die vielleicht fünf strittigen Fälle im Jahr, für die man sie braucht, ist das sicherlich richtig. Wir haben doch aber ein kostenloses Signal von Sky. Dieses darf von einem Schiedsrichter allerdings nicht genutzt werden.

SPOX: Wie wäre das sinnvoll machbar?

Holzhäuser: Man setzt einen weiteren Schiedsrichter in den Ü-Wagen, um auf Anweisung des Unparteiischen auf dem Platz strittige Szenen anschauen und schnell entscheiden zu können. Wieso tut man das nicht? Weil die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters dann angeblich gefährdet sei! Das ist nicht nur konservativ, sondern vor allem unsinnig, weil es eben nicht stimmt. Wenn allein der Schiedsrichter entscheidet, ob noch einmal nachgeschaut werden muss oder nicht, dann ist es seine Entscheidung.

SPOX: Welche Vorschläge für den heutigen Fußball haben Sie noch in petto?

Holzhäuser: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Bundesliga mit 16 Vereinen ausgelastet ist. Ich würde auch die 3. Liga dem Ligaverband zuordnen und dann zwischen den ersten drei Ligen eine Relegation spielen lassen. Aber nicht nur eine einzige Relegation: der Erste und Letzte steigen immer auf- beziehungsweise ab, Platz zwei und drei werden jedoch über die Relegation ausgespielt. Das würde ich dann auch getrennt voneinander vermarkten und die erzielten Einnahmen oder zumindest einen Teil davon den anderen Klubs zukommen lassen.

[….]

Das Interview führte SPOX-Redakteur Jochen Tittmar

Zum vollständigen Interview

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

4 + 6 =