Individuelle Inhalte verdrängen die Universalmedien. Goldmedia Gastbeitrag kress.de

Oliver Numrich, Geschäftsführer Goldmedia

„Waking up & checking your FB like it‘s the morning paper“ heißt eine Gruppe bei Facebook, in der rund um die Uhr kuriose Bilder und krude Geschichten aus aller Welt veröffentlicht werden. In der Bezeichnung der Gruppe mit über einer halben Million Mitgliedern kommt ein Phänomen zum Ausdruck: Für immer mehr Menschen haben individuell zusammengestellte Informationen eine größere Bedeutung als von Redaktionen ausgewählte Nachrichten. Neue soziale Medien und Aggregatoren wie Flipboard, Puls oder Googles Currents ermöglichen es, Informationsströme zu individualisieren und zeiträumlich unabhängig zu konsumieren. Wenn etwa ein Freund auf Facebook postet, dass Cindy aus Marzahn in der New York Times portraitiert wird, lese ich den Artikel mit dem iPad auf nytimes.com zwischen dem Topartikel von welt.de und dem neusten Blogeintrag von Katie Paine, einer Ikone der angelsächsischen Medienforschung.

Diese selektive und hochgradig individualisierte Mediennutzung beschränkt sich nicht auf eine flamboyante Berliner Medienavantgarde, sondern ist ein Generaltrend, der sich unterschiedlich facettiert inzwischen überall wiederfindet: Ob Digital Native oder Silver Surfer, die Internetnutzer haben zwangsläufig gelernt, den allgegenwärtigen „information overflow“ zu kanalisieren und die Nachrichtenströme an ihre persönlichen Bedürfnisse anzupassen.

Die Musikindustrie hat den Umbruch bereits hinter sich, den der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger noch abstreitet: CDs sind – wie Vinylplatten – Liebhaberstücke, und längst kaufen wohl nur noch treue Fans das gesamte Album eines Musikers. Viel eher kauft man die besten Songs einzeln bei iTunes und Musicload oder nutzt gleich Streamingdienste wie Spotify oder Soundcloud. Künstler und Verleger verdienen inzwischen ihr Geld mit Live-Auftritten und Merchandising. Der Zeitungskäufer dagegen fragt sich angesichts der Fülle von Gratisinformationen im Netz: Warum soll ich für all die Ressorts und Beilagen bezahlen, die mich weniger stark interessieren oder andere Medien besser bedienen können? Was einst als die Kernkompetenz einer Zeitungsredaktion gesehen wurde, für ihre Leser die wichtigsten Informationen auszuwählen und als Kuppelprodukt zu verbreiten, wird zu ihrem größten Manko: Denn die einzelnen Leser hatten schon immer weniger gemeinsam als die Redaktionen vielleicht dachten.

Eine kürzlich gelaunchte iPad-App namens niiu könnte ein Schritt in Richtung individuell zusammengestellter, bezahlter Mikroabonnements sein: Der Leser wählt hier für jedes Ressort das Medium aus, von dem er Informationen beziehen möchte, zum Beispiel Politik vom Tagesspiegel, Sport von der Bild, Wirtschaft aus der NZZ und so weiter. (Leider stehen bei niiu noch nicht viele Medien zur Auswahl und die Darstellung ist längst nicht so elegant wie bei Flipboard.) Doch vom nächsten Individualisierung-Schritt ist auch niiu noch weit entfernt: Der Einbindung von Recommendation Engines, die mit Hilfe der Profildaten aus Onlineshops wie Amazon und Ebay und der Social Media Accounts die Vorlieben des Lesers und seiner Freunde destillieren und ihm nur noch das übermitteln, was ihn wirklich interessiert.

Die Verlage sollten Teil eines solchen neuen Vertriebswegs sein, einer Mischung aus Facebook und iTunes, mit intelligent individualisiertem Content aus kostenlosen Inhalten und kostenpflichtigen Mikro-Abos. Denn in 10 oder 20 Jahren werden vermutlich nur wenige hochkarätige Flaggschiffe als Universalmedien bestehen und ihre Informationen zu einem angemessenen Preis verkaufen können. Die übrigen müssen nicht weniger als sich neu erfinden.

Oliver Numrich,  Geschäftsführer Goldmedia Analytics GmbH

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