Die unbemerkte Revolution, von Erwin Linnenbach, Sprecher der Geschäftsführung von Regiocast, promedia März 2012

Mit DAB+ wurden erstmals Lizenzen für private bundesweite Radios vergeben

Die unbemerkte Revolution

Von Erwin Linnenbach, Sprecher der Geschäftsführung von REGIOCAST

Über den Start von DAB+ im vergangenen Jahr ist ungeheuer viel berichtet worden. Natürlich über die neuen Programme auf dem nationalen Multiplex:  ENERGY, RADIO BOB!, Kiss und Absolut Radio. Meistens jedoch – in aller Unbescheidenheit – über unser Fußballradio 90elf. Aber natürlich war auch das Scheitern von DAB-alt in allen möglichen Varianten Thema: Die Geburtsfehler der Technologie und die Schwierigkeiten bei der Implementierung wurden in aller Ausführlichkeit erneut diskutiert, von allen Seiten betrachtet und es wurden Schlüsse jeder Art über die Zukunftschancen des Neuanlaufs gezogen. Kann nicht klappen, kein Geschäftsmodell, keine Geräte, keine Nutzerzahlen, kein Mehrwert. Diesmal wird es funktionieren, die Geburtsfehler sind überwunden, Geräte in allen Preisklassen verfügbar, neue Programme sorgen für Attraktivität bei Hörern und Werbekunden. Die Meinungen könnten konträrer nicht sein.

Erwin Linnenbach
Erwin Linnenbach

Eigentlich hieße es jetzt: Abwarten. Denn trotz der Vielzahl der Ansichten und Positionen zu DAB+ kann weiterhin niemand in die Zukunft sehen und mit Gewissheit sagen, welchen Weg die Entwicklung dieser Technologie nehmen wird. Ob sie, wie die Befürworter meinen, eine wichtige Distributionslücke bis zur ubiquitären Verfügbarkeit IP-basierter Audioangebote schließt oder ob sie, wie die Kritiker annehmen, eine Totgeburt aus dem medienpolitischen Giftschrank des digitalisierungsfernen 20. Jahrhunderts ist.

Dabei ist es selbstverständlich, dass insbesondere diejenigen Unternehmen, die sich beim Start des Digitalradios über DAB+ engagiert haben, intensiv daran arbeiten, die digitale Terrestrik zu einem Erfolg zu machen – wie immer man diesen definieren mag. Das soll hier auch gar nicht erneut diskutiert werden. Viel interessanter ist, dass  bereits vor der ersten Hörerzahl und vor dem ersten Euro, der mit einem Werbespot bei RADIO BOB! oder Absolut Radio über DAB+ verdient wurde, und lange, bevor das Netz deutschlandweit ausgebaut und die Gerätedurchdringung so hoch ist, dass ein umfassendes Bild der Hörerschaft für die Werbewirtschaft gezeichnet werden kann, DAB+ etwas geschafft hat, was bisher selbst die wohlmeinendsten Beobachter der deutschen Radiostruktur kaum für möglich gehalten haben.

Erstmals Lizenzen für private bundesweite Radios

Es hat nichts weniger als eine Revolution stattgefunden im deutschen Radio. Eine Revolution, die bis heute weitgehend ungewürdigt, ja beinahe unbemerkt geblieben ist. Eine Revolution, deren Auswirkungen bleiben werden – unabhängig davon, ob DAB+ ein wirtschaftlicher Erfolg werden wird oder nicht.

Während das Interesse im Sommer 2011 der klassischen DAB-Diskussion um Programme und Geschäftsmodelle galt, hat sich mit der Lizenzierung der Programme auf dem ersten Multiplex Unerhörtes ereignet: Erstmals wurden in der deutschen Radioregulierung Lizenzen für die terrestrische bundesweite Veranstaltung privater Radioprogramme vergeben und so ein massiver Paradigmenwechsel eingeleitet, der die Spielregeln des deutschen Radios nachhaltig verändern wird.

Um zu erfassen, wie tiefgreifend sich diese Änderung der Grundbedingungen der deutschen Radioregulierung auswirken kann, müssen wir lediglich ins benachbarte Ausland schauen. Deutschland ist aufgrund seiner bis zum vergangenen Jahr ausschließlich regional aufgestellten Radiostruktur bei allen relevanten wirtschaftlichen Kennzahlen weit abgeschlagen, wenn man Vergleiche zu den europäischen Ländern zieht, in denen bereits seit langem national bzw. überregional ausgerichtete private Radioprogramme existieren. Angefangen bei der Attraktivität der Programme als Werbeträger für national buchende Werbekunden über die Stärke des Werbeträgers im intermediären Vergleich zu Fernsehen und Print, bis hin zu den daraus resultierenden Investitionsmöglichkeiten der Radiosender selbst – nahezu in allen Kategorien rangiert Deutschland unter ferner liefen. Europas größte Volkswirtschaft hat hier bisher immense wirtschaftliche Chancen für Wachstum und Beschäftigung ungenutzt gelassen.

Durch die mutige Entscheidung der Landesmedienanstalten, die Fehler von DAB-alt nicht zu wiederholen und komplementär zu den bei den deutschen Radiohörern enorm erfolgreichen Regionalprogrammen über UKW, neue und bundesweit ausgerichtete Privatradioprogramme über terrestrische Digitalverbreitung zu ermöglichen, ist das Tor zu einer neuen Dimension der deutschen Radioentwicklung weit aufgestoßen worden. Seit dem Sommer 2011 hat das deutsche Privatradio die Chance, neue, nationale Marken für die terrestrische Verbreitung zu etablieren, die Hörbedürfnisse abseits der regionalen Vollprogramme befriedigen werden. Die bereits jetzt über den bundesweiten Multiplex empfangbaren Zielgruppenprogramme von Fußball bis Rockmusik markieren den Start einer Entwicklung, die künftig die unternehmerische Idee in den Vordergrund der Veranstaltung von Privatradio in Deutschland stellt und nicht mehr die Vertonung und wirtschaftliche Verwertung einer regional verfügbaren Frequenz.

Dem Radio bieten sich neue Wachstumschancen

Natürlich bewirkt der Einstieg in die nationale Lizenzierung von Privatradioprogrammen nicht auf einen Schlag eine Verdoppelung der Kennzahlen der deutschen Radiowirtschaft. Aber es ist ein erster – und fundamentaler – Schritt, dem weitere folgen werden, um diese Wachstumschance für die Gattung Radio in den nächsten Jahren zu nutzen. Jetzt gilt es für die Veranstalter, Programme und Marken zu etablieren, die das Radioangebot in Deutschland aus der Stabilität der regionalen UKW-Programme heraus weiterentwickeln.

Die Akteure der deutschen Medienpolitik – der Bund, sofern zuständig, die Länder, die Landesmedienanstalten – sind aufgefordert, die angestoßene Entwicklung mit weiteren Anpassungen der Regulierung zu untersetzen und sicherzustellen, dass die sich bietenden Wachstumschancen von den im Radio engagierten Unternehmen genutzt werden können. Die erstmalige Lizenzierung bundesweiter Privatprogramme kann in diesem Sinne Ausgangspunkt einer intensiven Diskussion über die weitere Gestaltung der deutschen Radiogesetzgebung sein.

Das Wort Radiogesetzgebung ist dabei bewusst gewählt: Denn überall dort, wo Gesetze, Verordnungen und Staatsverträge bisher von Rundfunk sprechen, muss künftig deutlich zwischen Radio und TV unterschieden werden. Es gilt, den Geburtsfehler der vermeintlichen Gleichbehandlung von Fernsehen und Hörfunk in der deutschen Rundfunkgesetzgebung zu beheben, der in Reaktion auf die frühere Frequenzknappheit bis heute ursächlich dafür ist, dass Radio seine nationale Entwicklungschance erst jetzt inmitten der Digitalisierung ergreifen kann, während das Privatfernsehen – trotz identischer Regelungslage – nahezu ab Start in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für die gesamte Republik Programm machen konnte. Was im Ergebnis zu einem dramatischen Unterschied der Wirtschaftskraft beider Gattungen führte: Zu zwei integrierten, europaweit an der Spitze stehenden Giganten des Privatfernsehens einerseits und einer hochfragmentierten Radiolandschaft andererseits.

Radiostaatsvertrag ist erforderlich

Es ist an der Zeit, dass wir eine Diskussion eröffnen, die auf Sicht zu einem eigenen, Radiostaatsvertrag führt, der die regionale und bundesweite Dimension von Radio zusammenführt und der alle radiorelevanten Themen von der Homogenisierung der regionalen Mediengesetzgebungen, der Liberalisierung des Konzentrations- und Kartellrechts, über die zeitgemäße Integration der Technologien von UKW, DAB, und IP bis hin zu den inhaltlich orientierten Regulierungskriterien aufgreift und im Sinne einer dynamischen Fortentwicklung der Gattung neu definiert.

Radio wird absehbar das letzte klassische Massenmedium sein, weil seine umfassende und für den Hörer weitgehend kostenlose Verfügbarkeit ein Alleinstellungsmerkmal bleiben wird, das dazu beiträgt, dass Radio auch im immer weiter zunehmenden Wettbewerb der Mediengattungen untereinander bestehen und sich von der überwiegend degressiven Reichweitenwicklung anderer Gattungen abkoppeln kann.  Damit dieser unschätzbare Vorteil nicht durch die bisherige Beschränkung auf regionale Verbreitungsgebiete wirtschaftlich entwertet wird, ist eine konsequente Ermöglichungsregulierung notwendig, die die angestoßene bundesweite Entwicklung komplementär zur regionalen Regulierung vorantreibt.

Es gilt in den nächsten Monaten und Jahren, eine Revolution zu vollenden, die leise begonnen und dennoch das Zeug zum größtmöglichen Aufbruch hat. Denn das Thema ist gewiss nicht DAB, DAB+, UKW oder die künftig mutmaßlich entscheidende Distribution über IP. Das Thema ist Radio und die mit diesem Medium verbundenen Chancen der Ökonomie des Hörens.

Über Erwin Linnenbach

  • Geboren: 1961
  • Der studierte Betriebswirt und Diplom-Journalist wurde nach Stationen in Basel und Berlin u.a. Koordinator Lokalfunk bei Radio
    NRW
  • 1992 Geschäftsführung von „Radio PSR“ und Aufbau der größten Privatradiounternehmung im Osten, der PSR-Mediengruppe
  • 2001 Geschäftsführer der R.SH-Gruppe in Kiel
  • Seit 2004 Sprecher der Geschäftsführung der Deutschen Radio Holding Regiocast

Artikel in der promedia März 2012

Weitere Informationen: promedia

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