Plattformen bieten zusätzliche Marktchancen für Produzenten. Dr. Christoph E. Palmer, Allianz Deutscher Produzenten, im Interview mit der promedia, Januar 2012

Produzenten kritisieren mangelnde Transparenz öffentlich-rechtlicher Sender

„Plattformen bieten zusätzliche Marktchancen für Produzenten“

Interview mit Dr. Christoph E. Palmer, Geschäftsführer  der Allianz Deutscher Produzenten

Dr. Christoph Palmer, Deutsche Produzentenallianz
Dr. Christoph Palmer Allianz Deutscher Produzenten

Fast vier Jahre nach ihrer Gründung ist die Allianz Deutscher Produzenten die maßgebliche Interessenvertretung der deutschen Produzenten von Film-, Fernseh- und anderen audiovisuellen Werken. Sie vereint ca. 220 Produktionsunternehmen aus den Bereichen Animation, Kinofilm, TV-Entertainment, TV-Fiktion, Werbung und Dokumentation. In einem promedia-Gespräch antwortet der Geschäftsführer des Verbandes Dr. Christoph A. Palmer ausführlich Fragen zu den Vereinbarungen mit den TV-Sendern, zu „Germany‘s Gold“, den Online-Erlösen, Kooperationsmodellen mit Google sowie zur Klage von Kinobetreibern gegen das FFG.

promedia: Herr Palmer, den Sendern geht es wirtschaftlich wieder besser. Was kommt davon bei den Produzenten an?

Christoph E. Palmer: Die Auftragsproduktionsvolumina der Sender, sind nach unserer Einschätzung in der letzten Zeit, also den Jahren nach der Krise, eher rückläufig. Leider gibt es bis zum heutigen Tag keine Transparenz über die Auftragsproduktionsbudgets im Fernsehen in Deutschland, so dass wir keinen objektiven belastbaren Vergleich in Euro und Cent vornehmen können. Ein wichtiges Anliegen der Produzentenallianz  ist es deshalb, dass wir zu einer kontinuierlichen Berichterstattung über Programmvolumina kommen, so wie es beispielsweise das Landesmedienrecht in Nordrhein-Westfalen in Ansätzen für den WDR schon vorsieht.

promedia: Und woher bekommen Sie die Daten von den anderen Sendern?

Christoph E. Palmer: Bisher bekommen wir sie nicht, weil man sich auf Geschäftsgeheimnisse beruft. Wir glauben allerdings, dass man ohne Weiteres Auskunft über die absolute Höhe der Auftragsproduktionsvolumina geben kann. Das allein würde uns aber noch nicht reichen, sondern man sollte z.B. über die Ausgaben für einzelne Genres berichten. Die Transparenzforderung wird jetzt übrigens auch von Transparency International in ihrem neuen Bericht erhoben. Wir planen über das Thema Transparenz auch eine Panel-Diskussion beim Deutschen Produzententag im Januar.

promedia: Wie bewerten Sie insgesamt das Jahr 2011 für die Produzenten?

Christoph E. Palmer: Die Bilanz fällt gemischt aus. Eine große Mehrzahl von Produktionsunternehmen konnte wieder interessante, anspruchsvolle, unterhaltende und kurzweilige Filme für Fernsehen wie Kino produzieren. Das qualitative Niveau unserer Produkte ist im internationalen Vergleich unbestritten hoch und zwar über alle Genres hinweg. Dennoch befinden sich die Produzenten weiterhin unter erheblichem finanziellem Druck. Die Produktionsbedingungen sind in 2011 angespannt geblieben. Filmschaffende, Urheber und Verwerter beanspruchen ihren Teil vom Kuchen. Und die Möglichkeiten, Erlöse über die reine Finanzierung der Produktion hinaus zu erzielen, sind unbefriedigend. Wenn dann Finanzierungsbestandteile kurzfristig ausfallen, kann es schnell zu bedrohlichen Situationen bis hin zu Insolvenzen kommen. Das ablaufende Jahr hat davon einige gesehen, auch bei sehr angesehenen Marktteilnehmern. Das Grundproblem ist die mangelhafte Eigenkapitalausstattung der Betriebe. Das ist auch erklärbar, weil Produzenten in Deutschland keine Rechte für das Produkt erhalten, sondern ein Total-Buy-Out-System existiert. Damit ist eine Produktion zwar mehr oder weniger finanziert, aber Rücklagen- oder Vorsorgebildung gelingt nicht.

promedia: Aber das war doch eines der Ziele der Eckpunktepapiere, die 2009 und 2010 mit ARD und ZDF geschlossen worden sind…
Christoph E. Palmer: Die Ehrlichkeit gebietet zu sagen, dass wir für die Laufzeit der Eckpunktevereinbarungen mit ARD und ZDF beim Rechteerhalt beziehungsweise -rückbehalt noch keine großen Veränderungen erreicht haben. Das Thema kommt jedoch nach Ende der Laufzeit der Eckpunkte wieder auf die Agenda. Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang auch , dass gemäß den ARD-Eckpunkten, beginnend ab Frühjahr 2013,  die Verwertung nicht genutzter Rechte auf Wunsch des Produzenten von diesem selbst vorgenommen werden kann, mit einer Erlösbeteiligung von 50 Prozent  für den ursprünglich auftraggebenden Sender.

promedia: Aber bis dahin vergehen doch noch zwei Jahre…

Christoph E. Palmer: Wir haben mit der ARD und dem ZDF vereinbart, dass wir im Rahmen der Laufzeit der Vereinbarungen auch keine neuen Forderungen  werden. Daran halte ich mich als guter Vertragspartner, zumal die Eckpunktevereinbarungen zu Verbesserungen geführt haben. Das gilt für viele Einzelaspekte und wird auch von den Produzenten goutiert. Aber es gibt auch Klagen. Zum Beispiel werden die Zunahme von Pauschalpreisen, die unbefriedigenden Kalkulationsgespräche und auch die Zahlungsfristen beklagt. Mit der ARD haben wir jetzt die Halbzeit der Laufzeit der Eckpunkte erreicht. Wir wollen deshalb zeitnah in eine Evaluation der Eckpunkte zusammen mit der ARD eintreten und dann auch mit dem ZDF.

promedia: Lassen Sie uns noch einmal über die Vergütung der digitalen Verwertung sprechen: Bei beiden Eckpunktepapieren waren Lösungen vorgesehen, dass die Produzenten beteiligt werden, wenn es zur digitalen Verwertung kommt. Aber wenn ich mich bei Produzenten umhöre, kommt auch da nichts bei ihnen an.

Christoph E. Palmer: Ja, das ist richtig. Die Rahmenvereinbarungen mit ARD und ZDF sehen erstmals auch einen Beteiligungsanspruch der Auftragsproduzenten an den VoD-Erlösen vor, allerdings sind hier noch keine Abrechnungen erfolgt. Insofern ist die Unzufriedenheit der Produzenten nachvollziehbar. Im Kinobereich verhandeln wir derzeit mit ARD und ZDF gemeinsam im Rahmen der Kino-Koproduktionsgespräche darüber, die VoD-Rechte vollständig beim Produzent zu lassen. Diese Verhandlungen laufen schon seit einigen Runden, ein Ergebnis liegt allerdings noch nicht vor.

promedia: Viele Produzenten setzen ihre Hoffnung in die gemeinsame Video-on-Demand-Plattform „Germany’s Gold“. Wie sehen Sie die Chancen, dass diese Plattform nächstes Jahr starten könnte?

Palmer: Die Vorarbeiten sind im Zeitplan, das Bundeskartellamt hat Ende November das Zusammenschlussverfahren abgeschlossen und den Zusammenschluss der ARD-Vertriebsgesellschaften mit ZDF Enterprises und zahlreichen Einzelproduzenten im Grundsatz genehmigt. Aber es steht noch eine sogenannte allgemeine Kartellprüfung aus. Diese findet nun statt. Für die Produzentenallianz ist es wichtig, dass eine bestmögliche Auswertung der Produktionen, die unsere Mitglieder herstellen, erfolgen kann. Deshalb ist für uns entscheidend, unabhängig auch davon, ob ein Produktionsunternehmen sich dieser Plattform gesellschaftsrechtlich angeschlossen hat oder nicht, dass alle von uns hergestellten Programme nicht exklusiv auf diese Plattform gestellt werden, sondern dass eine Mehrfachverwertung auf anderen Plattformen möglich ist.

promedia: Es gab Proteste gegen Werbung bei „Germany’s Gold“. Welchen Einfluss nimmt die Produzentenallianz auf dieses Geschäftsmodell?

Christoph E. Palmer: Die Produzentenallianz nimmt keinen direkten Einfluss als Verein. Es ist allein schon aus finanziellen Gründen nicht möglich, dass wir  als Interessenvertretung von Mitgliedern in ein wirtschaftliches Unternehmen mit Nachschusspflichten gehen. Die Produzentenallianz ist gesellschaftsrechtlich also nicht als Partner beteiligt. Für die Partner der Plattform ist klar, dass ein gemischtes Finanzierungsmodell von Werbe- und Pay-Einnahmen rundfunkrechtlich möglich ist. Den Töchtern von ARD und ZDF ist eine wirtschaftliche Betätigung und damit auch die Erzielung von Werbeeinnahmen nicht verwehrt.

promedia: Google will im nächsten Jahr mit einer TV-Suchmaschine für das Web auch in Deutschland zu starten. Welche Konsequenzen wird das für die deutsche Fernsehlandschaft und auch für die Produzenten haben?

Christoph E. Palmer: Philipp Schindler, der Google-Chef von Central und Northern Europe, war einer der Gesprächspartner bei unserem Produzententag 2011. Wir haben mit ihm über diese Frage gesprochen. Allerdings ist Google TV als Suchmaschine für TV-Geräte mit Internetzugang bisher eine Ankündigung geblieben. Die Fernseher, deren Bestandteil Google TV sein soll, sind derzeit noch nicht einmal auf dem US-Markt verfügbar. Wenn es in Zukunft in relevanter Größenordnung genutzt werden sollte, wird Google sicher Werbung auf dieser Oberfläche verkaufen und das kann ihrer Konkurrenz um diese Werbeerlöse, vor allem den Sendern, nicht recht sein. Deshalb gehen Beobachter davon aus, dass die Auseinandersetzung um die Zukunft des Fernsehens nicht zwischen dem öffentlich-rechtlichen System und dem privaten System, sondern eher mit den neuen digitalen und Social Media Plattformen geführt werden wird. Wir sind natürlich immer auch auf der Suche nach neuen Verbreitungsmöglichkeiten unseres Contents, um zu zusätzlichen Einnahmequellen zu kommen. Deshalb beobachten wir diese Entwicklung sehr aufmerksam.

promedia: Google hat vor einigen Wochen angekündigt, das erste Mal rund 100 Millionen Euro für den Aufkauf von Inhalten und Auftragsproduktionen einzusetzen. Das ist doch eine Chance für die Produzenten, etwas unabhängiger von den TV-Sendern zu werden.

Christoph E. Palmer: Grundsätzlich begrüßen wir Produzenten die Entwicklungen, dass auch Plattformen wie YouTube, die große relevante Akteure geworden sind, sich weiter professionalisieren und deshalb nachdenken, selbst Programm einzukaufen oder sogar in Auftrag zu geben, also vom Zufalls- und Individualfilm auch zu einer Programmkonzeption im weiteren Sinne zu kommen. Plattformen sind immer ein zusätzlicher Abnehmer und deshalb auch eine zusätzliche Marktchance für Produzenten. Und was die Produktionsbedingungen, gerade auch für kleine Produzenten, angeht, könnten diese mit einem sehr überschaubaren Kostenaufwand für YouTube produzieren.

promedia: Also keine Verteufelung von Google, wie aus anderen Medienbranchen…

Christoph E. Palmer: Unsere Haltung gegenüber Google ist eine offene. Nicht zuletzt deshalb haben wir Dank der Präsentation von Philipp Schindler bei unserem Produzententag zusammen mit YouTube, also der Google-Tochter, im Frühjahr einen ersten Workshop für die deutschen Produzenten in Berlin durchgeführt. Dort hat Google über die Marktchancen und die unterschiedlichen Geschäftsmodelle, die die Bewegtbildplattform bereits für Produzenten im Netz anwendet, informiert und ist mit den deutschen Produzenten in einen Dialog getreten. Also, wir sind in dieser Frage nicht parteiisch, wie andere, sondern absolut offen für neue Entwicklungen und versuchen sie auch rechtzeitig und beherzt beim Schopf zu packen.

promedia: Ist das auch eine Chance für die kleineren Produzenten?

Christoph E. Palmer: Ja. Es gab eine große Nachfrage bei diesem Workshop und wir waren überrascht, wie viele Geschäftsmodelle jetzt schon bei YouTube beziehungsweise Google mit Produzenten im Netz abgewickelt werden. Und es wird jetzt schon, zum Teil sehr signifikant, besonders von kleinen Firmen, Geld mit YouTube verdient.

promedia: Im Spielfilmbereich müssten Sie doch im Gegensatz zum Fernsehen mit den Rahmenbedingungen sehr zufrieden sein…

Christoph E. Palmer: Grundsätzlich hat die Spielfilmförderung in Deutschland viele gute Ansätze. Dennoch bleiben die Förderung und auch das Engagement der Fernsehsender für den nationalen Kinofilm deutlich hinter unserem unmittelbaren Nachbarland Frankreich, zurück. Die Umstellung auf digitales Abspielen, die sich aus verschiedenen Finanzquellen speist, scheint auf einem guten Weg zu sein. Es bleiben aber viele Problembereiche. So ist die Sicherung der Fortsetzung des DFFF über das Jahr 2012 hinaus ein wichtiges Thema. Da gibt es noch keine Verbindlichkeit. Die grundlegende Modernisierung des FFG, ein relevanter Beitrag der Fernsehsender zur Finanzierung des Kinofilms und schließlich auch die Verteidigung der Länderförderungen gegen Kürzungspläne sind wichtige Baustellen, an denen wir 2012 weiter hart arbeiten müssen.

promedia: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Klage eines großen Teils von Kinobesitzern gegen das FFG?
Christoph E. Palmer: Rechtlich sind wir zuversichtlich, dass das Bundesverfassungsgericht im Frühjahr des Jahres 2012 die Angriffe zurückweisen wird. Auch wenn diese Erwartung in Erfüllung gehen sollte, muss man trotzdem konzedieren, dass die schon seit vielen Jahren mit Nachdruck geführten Attacken auf das FFG die Existenz dieses Instrumentariums, dass die Marktteilnehmer selbst organisieren, um vorrangig die Herstellung von deutschen Filmen zu ermöglichen, nicht unwesentlich gefährdet.  Die Verwertung gereicht ja nicht nur allen Nutzern dieser Filme, sondern auch der Filmwirtschaft in Deutschland im Ganzen zum Vorteil. Und weil diese Angriffe in Permanenz über Jahre hinweg erfolgen, scheint leider bei manchen  das Verständnis für die Selbstorganisation des FFG und für die Solidargemeinschaft der Filmfamilie in Deutschland verloren zu gehen. Das ist dann natürlich auch keine positive Referenz gegenüber der Politik, die wir immer wieder bitten müssen, in der Förderung zu bleiben, den DFFF zu stabilisieren, die einzelnen Komponenten in unserem Sinne auszutarieren. Wenn die Solidargemeinschaft Film permanent selber Axt an ihr Instrumentarium legt, ist das wirklich keine gute Empfehlung.

promedia: Zu den Diskussionspunkten bei der Novellierung des Filmfördergesetzes gehört möglicherweise eine Verkürzung der Kinoauswertungsfenster. Welche Konsequenzen hätte denn das für die Produzenten?

Christoph E. Palmer: Es existiert ein internationaler Trend zu einer Verkürzung der Fenster gegenüber den jetzt geltenden Regelungen des FFG. Auch zwischen den einzelnen Verwertungsformen gibt es Veränderungen, die in den zu starren Regelungen des FFG nur schwer abgebildet werden können. Deshalb sind wir wie bei der letzten Novelle einer gewissen Flexibilisierung gegenüber offen. Auf der anderen Seite wollen wir im Regelfall daran festhalten, die Exklusivität der Kinoauswertung wegen des insgesamt erfolgreichen Geschäftsmodells zu wahren. Hier werden wir das Gespräch mit den verschiedenen Verwertern suchen, um eine zeitgemäße Lösung zu suchen, die das Ziel der Produzenten, langfristig möglichst optimale Verwertungserlöse zu sichern, im Auge hat. Auf der anderen Seite müssen wir unseren Verwertungspartnern die Spielräume ermöglichen, die sie für eine erfolgreiche Verwertung der Filme benötigen. Angesichts dieses Spannungsbogens wird nicht nur von uns, sondern von der ganzen Branche Kompromissfähigkeit gefordert sein.

Über Dr. Christoph E. Palmer

  • Geboren: 1962
  • Studium Geistes- und Sozialwissenschaften
  • 1994-1996 Professor für Politikwissenschaft
  • 1996-1998 Staatssekretär im Ministerium für
    Wissenschaft, Baden-Württemberg
  • 1996-2008 Aufsichtsratsvorsitzender der
    Filmakademie Baden-Württemberg
  • 1998 – 2004 Staats- und Europaminister
  • Seit 2005 Unternehmensberater
  • Seit 2008 Geschäftsführer der Produzentenallianz

Artikel in der promedia Januar 2012

Weitere Informationen: promedia

 

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