Tablets for free. Goldmedia Gast-Kommentar auf kress.de von Klaus Goldhammer

Tablets for free! Kostenlose Lesegeräte rechnen sich

Als Amazon sein erstes elektronisches Lesegerät mit dem hübschen Namen Kindle auf dem US-Markt Ende 2007 einführte, kostete der damals hochmoderne schwarz/weiss-eReader noch 399 US-Dollar. Inzwischen ist er für 139 US-Dollar in den USA zu haben. Kevin Kelly, alterfahrener Branchenexperte extrapolierte die Kindle-Preissenkungen der letzten Jahre und Monate und kam in seinem Blog zu dem Schluss, Amazon könnte den Kindle schon im November 2011 verschenken.

Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Prof. Dr. Klaus Goldhammer

Natürlich ist diese Art der Prognostik per Lineal nicht verlässlich. Dennoch könnte ein solcher Schritt für Amazon sehr viel Sinn machen: Ein eReader zu Vorzugspreisen wäre dabei nicht nur ein attraktives Marketinginstrument zur Kundenbindung, sondern würde vermutlich das Geschäft mit digitalen Büchern weiter ankurbeln und zugleich die (erheblichen) Versandkosten senken. Ob Amazon nun seinen Kindle als Incentive an Kunden verschenkt, wenn diese zum Beispiel 20 eBooks kaufen oder als Treuebonus für Premiumkunden einsetzt, ob als Geschenk an die Kunden oder zunächst nur zu besonders günstigen Preisen: Langfristig brächte der Billig-bis-Kostenlos-eReader erhebliche ökonomische Vorteile. Wem könnten Einsparungen für Verpackung, Versand und Lieferservice wohl mehr nutzen als einem Online-Kaufhausriesen wie Amazon?

Ein Perspektivwechsel zeigt ähnliche Entwicklungen bei dem VoD-Anbieter Netflix: Großgeworden mit dem physischen Versand von DVDs hat sich Netflix mittlerweile zu einem der führenden Streaminganbieter entwickelt und ist heilfroh über die eingesparten Portokosten. Seit August 2010 vermarktet Netflix die aktuellen Kinofilme von Paramount, Lionsgate oder MGM per Stream übers Web und investierte dafür eine satte Milliarde Dollar. Über 20 Millionen Abonnenten in den USA belegen, dass der Wechsel vom Physischen ins Digitale gut funktioniert hat.Und die Verlagsbranche? Auch hier wird an digitalen Vertriebskonzepten gearbeitet. Man hofft, mittels eReadern und Tablets neue Leser zu gewinnen, neue Bezahl- und Abomodelle zu etablieren und dabei erhebliche Kosten zu sparen. Mit der Zeitung auf dem eReader entfallen die alten Druck- und Vertriebs-Aufwendungen und damit immerhin stolze 50 Prozent der Gesamtkosten einer Zeitung. Würde man Tablet-Rechner an die Abonnenten verschenken, könnte auch hier aus der alten teuren Zeitung schnell ein hochrentables und modernes Medienprodukt werden. Für die New York Times wurde das schon einmal durchgerechnet: Die Druck- und Vertriebskosten der New York Times lagen 2008 bei geschätzten 644 Mio. Dollar. Würde man jedem Abonnenten einen Kindle-Reader schenken entstünden einmalige Kosten von 297 Mio. Dollar.

Nicht zu unterschätzen sind die vielen parallelen Effekte einer eReader-Zeitung: modernisiertes Image, aktuelleres, personalisierbares und besonders umweltfreun-dliches Produkt, das zudem auch noch unterschiedlich bepreist werden kann. – Angesichts rasant sinkender Endgerätekosten bleibt es nur eine Frage der Zeit, wann es wirtschaftlich sinnvoll sein wird, eReader im großen Stil zu verschenken, statt täglich tonnenweise Papier zu bedrucken und zu verteilen.

Ab wann genau Tablets in Deutschland verschenkt werden, lässt sich dennoch nur schwer bestimmen. Glauben Sie nicht Kevin Kelly! Denn ganz so einfach ist es natürlich nicht. Neben dem (berechtigten) Beharrungswillen von Papierfans und den Problemen des Übergangs gibt es auch noch andere, vor allem soziale Fragen zu berücksichtigen: Wer den Streit am Frühstückstisch um Lokales, Sport, Wirtschaft, Politik und Kultur vermeiden will, braucht gleich mindestens zwei eReader! Obwohl: bei der New York Times würde dies auch noch in den finanziellen Rahmen passen.

Prof. Dr. Klaus Goldhammer
Geschäftsführer Goldmedia GmbH Strategy Consulting

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