promedia-Artikel: Von der Überweisung zum E-Geld

Von Dr. Viola Bensinger und Oliver Ehrmann, Olswang Berlin, promedia Heft 8/2010

Bargeldzahlungen und Banküberweisungen gehören bald der Vergangenheit an. Die Onlineökonomie und viele andere Bereiche des Wirtschaftslebens verlangen nach einfachen und sicheren digitalen Zahlungsmöglichkeiten. Der Erfolg der digitalen Distribution von Musik, bewegten Bildern und News basiert auf dieser Entwicklung. Auf Einladung der Medienrechtskanzlei Olswang kamen am 1. Juli 2010 in Berlin wichtige Vertreter der Zahlungsanbieter, der Verlage und Verkehrsunternehmen zum “Olswang Forum Special: Digital Money” zusammen. Sie diskutierten über aktuelle Markttrends, geändertes Nutzerverhalten, rechtliche Rahmenbedingungen – und die Zukunft des Geldes.

Dr. Viola Bensinger, Olswang Berlin
Oliver Ehrmann, Olswang Berlin

In einem Impulsvortrag beschrieb Gregor Bieler, Geschäftsführer von PayPal Deutschland, seine Vision von der Zukunft des digitalen Zahlungsverkehrs, die er nicht alleine im Internet sieht. Vielmehr ist für ihn eine einfache und schnelle Abwicklung elektronischer Zahlungen generell die Zukunft des Zahlungsverkehrs: “In Zukunft soll für alles, überall und mit jeder sich bietenden Technologie sicher und einfach bargeldlos bezahlt werden können.” Die Übertragung der digitalen, bargeldlosen Zahlungsarten aus dem Internet auf die analoge Welt ist das Ziel –  Warum nicht auch im Supermarkt bequem und sicher mit PayPal zahlen?

Schrittmacher Internet und digitale Mediendistribution

Im und über das Internet zu zahlen ist für viele von uns inzwischen zu einer täglichen Übung geworden. Bis in die späten 90er Jahre dagegen waren Online-Shopper noch auf die langsame Banküberweisung oder den teure Nachnahmeservice der Post angewiesen, um für online erworbene Waren und Dienstleistungen zu zahlen. Zwar gab es in der Vergangenheit u.a. mit Flooz.com und Beenz.com verschiedene Versuche,  eine originäre “Internetwährung” zu etablieren – beim Verbraucher fielen die Konzepte aber allesamt durch, da sie schwer zu begreifen waren und sie deshalb mit einem Vertrauensdefizit zu kämpfen hatten.

Eric Merkel-Sobotta vom Verlag Springer Science+Business Media, einem führenden Anbieter wissenschaftlicher Publikationen, berichtete anlässlich der Olswang-Veranstaltung über die frühzeitige Einstellung des Verlages auf die Onlinewelt und die damit verbundene Diversifizierung des Angebots: “Wir stellen unseren Kunden heute in weitem Umfang Bücher und Zeitschriften online zur Verfügung und verkaufen das, was nachgefragt wird, und sei es ein einzelner Beitrag aus unseren Publikationen.”

Ohne eine bequeme Zahlungsabwicklung ist auch die Generierung weiterer Erlösströme für Zeitungsverlage kaum denkbar, da die Akzeptanz eines kostenpflichtigen Onlineangebots maßgeblich auch von geringen psychologischen Transaktionskosten abhängen wird. Die Gefahr, den an kostenlosen und barrierefreien Zugang zu Inhalten gewöhnten Online-Leser an aufwändigen Zahlungsschranken zu verlieren, ist groß. Die in der Verlagsbranche vielfach ersehnte Wende zu “paid content” im Internet ist dadurch eng mit der Entwicklung des elektronischen Zahlungsverkehrs verknüpft. Und auch wer Zeitungen auf dem iPad liest, weil er nicht mehr zum Kiosk gehen möchte, dem sollte diese Einfachheit nicht durch Passwort oder PIN-Eingabe genommen werden.

Symbiotisch mit dem raschen Wachstum des E-Commerce hat sich auch der Markt für Online-Zahlungsanbieter entwickelt. PayPal ist heute nur ein Anbieter in einer breiten Palette digitaler Zahlungsdienstleister wie u.a. Moneybookers und Neovia. Der entscheidende Vorteil der Angebote dieser E-Geld-Anbieter gegenüber der herkömmlichen Kreditkarte oder Banküberweisung war und ist, dass die Verbraucher schnelle und einfache Transaktionen untereinander – peer to peer – abwickeln können, beispielsweise bei Verkäufen zwischen Verbrauchern auf eBay. Darüberhinaus bieten Paypal eine Absicherung für Händler und Käufer.

Dagegen funktioniert die Kreditkarte nur im Geschäft zwischen Handel und Endkunden, die Banküberweisung wiederum ist zu langsam für impulsive Onlinekäufe. Darüber hinaus können gerade Transaktionen in ausländischer Währung über E-Geld-Anbieter deutlich günstiger abgewickelt werden als über die klassische Bank. Online-Marktplätze wie eBay haben die Entwicklung zum E-Geld befördert und waren zugleich auf marktgerechte Online-Zahlungsdienste angewiesen, um sich so rasant zu entwickeln.

Geld und Technik

Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, um digital “zahlungsfähig” zu werden und das Offline-Geld in E-Geld zu verwandeln: Bei Pre-Pay-Systemen ist es vor einer Nutzung notwendig, zunächst Geld auf einem Mobiltelefon oder dem Chip einer Geldkarte zu speichern, das oder die sich im Besitz und unter der Kontrolle des Nutzers befindet. Serverbasierte E-Geld-Anbieter dagegen “speichern” das E-Geld in ihren Systemen und lassen den Nutzer durch einen E-Geld-Account darauf zugreifen, nachdem er sich für die Nutzung identifiziert hat. Hierfür wird ab Herbst dieses Jahres auch der digitale Personalausweis zur Verfügung stehen, der eine sichere Identifikation noch einfacher machen wird.

In jedem Fall muss zu irgendeinem Zeitpunkt “echtes” Geld übertragen werden. Diese zweite oder “unterstützende” Transaktion wird regelmäßig dadurch bewerkstelligt, dass der E-Geld-Account wiederum hinterlegt ist mit einer Kreditkarte oder einem Bankkonto. Wenn für die unterstützende Transaktion ohnehin die Kreditkarte oder das Konto genutzt wird, stellt sich natürlich die Frage, warum man deren Funktion nicht bereits für den eigentlichen Zahlungsvorgang nutzt. Die Antwort liegt vor allem in den psychologischen Transaktionskosten, der “Lästigkeit” des Zahlungsvorgangs selbst, in den materiellen Kosten der Transaktion (Kreditkartengebühren) und der Sicherheit der Zahlung durch zusätzliche Leistungen der E-Geld-Anbieter wie Käuferschutz-Programmen.

Regulatorisches

Sowohl serverbasierte E-Geld-Anbieter als auch die Herausgeber von gerätegebundenem E-Geld unterliegen in der Europäischen Union einer Regulierung, die in Deutschland durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht  (BaFin) ausgeübt wird; zur Ausgabe von E-Geld und die Abwicklung digitaler Zahlungsdienste ist demnach eine Genehmigung erforderlich.

Die Entwicklung des europäischen E-Geld-Marktes wurde in der Vergangenheit durch die Beschränkungen der bisherigen E-Geld-Richtline (2000/46/EG) und den Unterschieden in der nationalen Umsetzung gehemmt. Die Notwendigkeit einer Überarbeitung der E-Geld-Richtline wurde dringender mit der Umsetzung der neuen EU-Zahlungsdiensterichtline im November 2009 (2007/64/EG), denn die dortigen Regeln für Zahlungdienstleister ohne Banklizenz waren weitaus weniger streng als die Vorschriften der alten E-Geld-Richtlinie. Nach dieser durften E-Geld-Anbieter keinerlei andere Tätigkeiten ausüben als die Ausgabe von E-Geld.

Am 27. Juli 2009 kündigte der Rat der Europäischen Union die Verabschiedung einer neuen E-Geld-Richtlinie über elektronisches Geld (2009/110/EC) an. Diese neue E-Geld-Richtlinie wurde am 10. Oktober 2009 veröffentlicht und soll bis zum 30. April 2011 auch in Deutschland in nationales Recht umgesetzt werden.

Die neue Richtlinie harmonisiert nun die Regulierung der E-Geld-Anbieter mit der Zahlungsdiensterichtline. Insbesondere werden damit Beschränkungen der E-Geld-Emittenten aufgehoben, sodass diese nun zusätzlich zur E-Geld-Ausgabe auch die Abwicklung von Transaktionen und die Kreditgewährung im Zusammenhang mit Zahlungsdiensten anbieten dürfen. Außerdem wird auch die verpflichtende Eigenkapitalunterlegung von ursprünglich EUR 1 Mio. auf EUR 125.000 reduziert.

Unterschiede im nationalen Rechts bleiben jedoch auch weiterhin eine der großen Herausforderungen für die Entwicklung neuer Zahlungsmethoden. Beispielsweise haften in Großbritannien nach dem Consumer Credit Act 1974 die kartenherausgebende Bank gesamtschuldnerisch mit einem Lieferanten von Waren und Dienstleistungen für vertragliche Schadenersatzansprüche. In Deutschland dagegen ist eine solche Haftung des Kreditkartenunternehmens unbekannt.

Die Zukunft gehört den kontaktlosen Zahlungen

Die für E-Geld genutzten Pre-Paid-Geräte wie v.a. Mobiltelefone werden in Zukunft vermehrt auf den sog. NFC-Standard (Near Field Communication) oder ähnliche Übertragungsstandards zum kontaktlosen Austausch von Daten über kurze Strecken setzen. Dabei muss das entsprechende Zahlungsgerät nur noch kurz in die Nähe eines entsprechenden Terminals gehalten werden, um einen Zahl-  oder Registrierungsvorgang auszulösen.

Eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung kommt dabei dem öffentlichen Personenverkehr zu. Waren Geräte für kontaktloses Zahlen bisher hauptsächlich in Asien verbreitet, laufen inzwischen auch hierzulande sowohl beim Frankfurter Verkehrsverbund als auch in Potsdam, Berlin und auf den Bahnstrecken zwischen Hannover, Berlin und Frankfurt am Main Alltagstests. Federführend bei der Entwicklung in Deutschland ist hier die VDV Kernapplikations GmbH, eine Tochter des Verbandes der deutschen Verkehrsunternehmen, die auf dem Panel der Olswang Veranstaltung zu Digital Money mit Hartmut Loerch ebenfalls vertreten war: “Wir haben eine Kernapplikation entwickelt, die in jedem Trägermedium verwendet werden kann. Damit ist eine wesentliche Voraussetzung für digitale Zahlungsweisen im öffentlichen Personenverkehr geschaffen, die den Zugang der Nutzer zum Verkehrsnetz vereinfacht und auch zu flexibleren Tarifstrukturen im öffentlichen Personenverkehr führen könnte.” Die Entwicklungsphase für das elektronische Ticket ist inzwischen abgeschlossen, jetzt wird an der flächendeckenden Implementierung gearbeitet, wie auch die geplante Umfirmierung in e-ticket Deutschland GmbH zeigt.

Wenn erst kontaktlose Zahlungen verbreitet sind, wird sich die Durchsetzung von E-Geld am Markt erheblich beschleunigen, denn sie haben den unschätzbaren Vorteil, Kleinbeträge ohne die lästige Eingabe einer PIN zu zahlen. Während Bargeld in der nahen Zukunft das Zahlungsmittel der Wahl für kleine Einkäufe bleiben wird, wird es wohl die kontaktlose Zahlung sein, die diese letzte Bastion des physischen Geldes schleifen wird. Aber diese Entwicklung ist (noch) Zukunftsmusik, denn die Einführung der kontaktlosen Zahlungen erfordert den Aufbau einer völlig neue Infrastruktur von Karten, Mobiltelefonen und Lesegeräten.

Dass mobilen Geräten eine Hauptrolle im E-Geld-Ökosystem zukommen wird, ist jedoch absehbar. Das wird nicht notwendig die Bedeutung der traditionellen Zahlungssysteme schmälern, aber es wird zu einem verstärkten Zusammenwachsen dieser beiden Welten kommen. In nicht all zu ferner Zukunft wird es dann tatsächlich möglich sein, überall, jederzeit und mit diversen Geräten und Methoden sicher und schnell zu zahlen. Oder, wie Nokia anlässlich der Markteinführung ihres E-Geld-Services Nokia Money verlauten ließ:

“In einer Welt von vier Milliarden Handybesitzern, aber lediglich 1,6 Milliarden Bankkonten sind mobile Zahlungsdienstleistungen eine Geschäftsidee mit langfristigem Wachstumspotential.”

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