„Eine „Internet-only“-Strategie wird es bei der Deutschen Welle nicht geben“. Erik Bettermann im Interview mit der promedia

Die Deutsche Welle richtet ihren Kurs neu aus

Interview mit Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle, promedia 2/2011

Der Intendant der Deutschen Walle hatte im November 2010 in einem 18-Punkte-Papier eine strukturelle Neuorientierung angekündigt. Dieser Kurs ist von der Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zur Aufgabenplanung der Deutschen Welle bestätigt worden. Damit hat die Deutsche Welle Rückendeckung für eine grundlegende Strukturreform erhalten.  Am 21. Januar 2011 hatte auch der Rundfunkrat das Konzept des Intendanten gebilligt. Kern des Konzeptes sind eine Überprüfung der Übertragungswege, ein Ausbau der Internet-Präsenz, eine engere Zusammenarbeit mit ARD und ZDF sowie die Bildung von Multimediaredaktionen.

Erik Bettermann
Erik Bettermann

promedia: Herr Bettermann, die Bundesregierung hat sich in Ihrer Stellungsnahme zur Aufgabenstellung der Deutschen Welle für eine größere Sparsamkeit ausgesprochen. In Ihrer Reaktion darauf ist von mehr Geld die Rede. Wie passt das zusammen?
Erik Bettermann: Die Bundesregierung hat zu einer Aufgabenplanung Stellung genommen, die wir dem Parlament im März letzen Jahres zugeleitet haben. In dieser Aufgabenplanung sind Kosten für geplante Maßnahmen enthalten, die bis 2014 über 20 Millionen Euro mehr erfordert hätten. Sie stützten sich auch auf die Aussage im Koalitionsvertrag, dass man die Deutsche Welle stärken wolle. Nun hat die Bundesregierung deutlich gemacht, dass die Mittel, die die Deutsche Welle aus dem Bundeshaushalt erhält, 2012 sinken werden. Andererseits bestätigt sie den Umsteuerungsprozess, den wir bereits im Herbst begonnen haben. Die von uns geplante Umstrukturierung hat sich nicht allein aufgrund der finanziellen Situation ergeben, sondern basiert primär auf der technologischen Veränderung der Kommunikationsstrukturen, einem veränderten Nutzerverhalten und der dynamischen Konkurrenzsituation weltweit. Da aber solch tiefgreifende Umstrukturierungen –die die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme ausdrücklich unterstützt –  zunächst Geld kosten, fordere ich die Bundesregierung auf, dies bei der Aufstellung des Haushaltes für die Jahre 2012 und 2013 zu berücksichtigen.

promedia: Wo sehen Sie die Kompromissmöglichkeit?
Erik Bettermann: Wir müssen mindestens unser derzeitiges finanzielles Niveau halten. Hier setze ich meine Hoffnungen in den Deutschen Bundestag, denn der beschließt den Haushalt. Insoweit ist es jetzt zunächst eine Stellungsnahme der Bundesregierung an den Deutschen Bundestag. Der wird in den nächsten zwei bis drei Monaten Stellung zu den politischen Vorstellungen der Bundesregierung nehmen. Unsere Etatsituation ist komplex. Ein Beispiel: Wenn wir uns künftig auf zwei Kontinenten von der analogen Kurzwelle verabschieden wollen, nämlich in Europa und Asien, dann müssen wir auch unsere Relaisstationen in Portugal und Sri Lanka aufgeben. Aber hier existieren Verträge mit den jeweiligen Staaten oder mit Rundfunkstationen. Man muss einen anderen Nutzer finden, die Station den Staaten überlassen und im schlechtesten Fall die Sendemasten und die gesamte Station zurückbauen. Deswegen ist es keine Frage des Kompromisses, sondern eine Frage, wie ernst es das Parlament damit meint, dass die Deutsche Welle mittelfristig zwar sparen, gleichzeitig aber auch ihre Aufgaben erfüllen soll.

promedia: Wenn dennoch bei Ihnen gekürzt wird, würde das zur Konsequenz haben, dass sich die Deutsche Welle von ihrer globalen Präsenz verabschieden muss?
Erik Bettermann: Die Deutsche Welle wird auch zukünftig überall auf der Welt empfangbar sein – aber nicht unbedingt mit allen ihren drei Medien gleichzeitig, also Fernsehen, Hörfunk und Internet. Wir werden wahrscheinlich überall weiter mit dem Fernsehen empfangbar sein. In Schwerpunktregionen werden auch weiterhin die Internet- und Hörfunk-Angebote verfügbar sein.

promedia: Das deckt sich mit Ihrem generellen Vorhaben, sich stärker auf die Medien konzentrieren zu wollen, mit denen man am Besten Ihre Informationen nutzen kann…
Erik Bettermann: …indem wir unsere Zielgruppe noch besser erreichen. Deswegen habe ich die Stellungnahme der Bundesregierung als „Rückenwind“ für unsere Reformpläne bezeichnet. Das Ergebnis unserer umfassenden Evaluation, die wir 2009 zum ersten Mal durchgeführt haben, zeigt, dass wir differenzierter die einzelnen Übertragungswege nutzen müssen, die für die Zielgruppe im jeweiligen Land von Bedeutung sind. So macht es keinen Sinn, auf das Internet als Übertragungsweg für Podcast oder Video On Demand zu setzen, wenn die technische Infrastruktur vor Ort nicht vorhanden ist.

promedia: Das heißt, Sie sehen keine Möglichkeit eines radikalen Wechsels auf das Internet, sowohl bei Bewegtbild als auch bei Hörfunkangeboten?
Erik Bettermann: Theoretisch könnte man diesen Weg gehen. Die Schweizer Kollegen der SRG zum Beispiel verbreiten ihr swissinfo-Angebot ausschließlich über das Internet. Doch nach wie vor erreicht man die Nutzer per Internet vor allem auf der nördlichen Hemisphäre. Eine „Internet-only“-Strategie wird es bei der DW nicht geben. Im Übrigen muss man sehen, dass wir auf anderen Wegen sehr erfolgreich sind: Wir verfügen über mehr als 4500 Partnerstationen in aller Welt, die unser Radio- oder Fernsehprogramm übernehmen und wiederausstrahlen. Das ist sehr effektiv. Wir werden das linear produzierte Radioangebot zurückfahren, aber weiterhin Audiomodule zum Abruf im Internet vorhalten. Im Blick halten müssen wir überdies die mobile Kommunikation, die bei jungen Menschen, ob in Vietnam, Bangladesch oder auch einigen Staaten Afrikas, stark zunimmt.

promedia: Sie passen die Programme und Verbreitungswege der Deutschen Welle an die veränderten Bedingungen schon seit Jahren an, so konsequent wie kaum eine andere Rundfunkanstalt in Deutschland. Wo liegt die neue Qualität?
Erik Bettermann: Was wir jetzt planen, ist eine konsequente Fortführung dessen, was wir bereits seit fünf bis sechs Jahren umsetzen. Neu soll künftig die überwiegend multimediale Erstellung des Programms hier in Deutschland sein. Das heißt, wir wollen künftig nicht mehr mit eigenen Wirtschafts-, Sport- oder Kulturredaktionen für Fernsehen, Hörfunk und Internet arbeiten, sondern dieses multimedial zusammenlegen. Die erfolgreiche Zusammenführung von Hörfunk- und Internetredaktionen in den vergangenen Jahren war hierzu der erste Schritt. Künftig soll für alle Ausspielwege in einer Redaktion geplant und recherchiert werden, die Ausgestaltung erfolgt dann medienspezifisch. Diese neue Struktur halte ich nicht nur unter Kostengesichtspunkten für notwendig, sondern auch unter dem Aspekt, dass nur so eine einheitliche inhaltliche Handschrift des Senders erreicht werden kann. Unsere Evaluation zeigt, dass nicht in jeder unserer 30 Sprachen die Hörer drei bis vier Mal täglich aktualisierte Deutschland-Nachrichten erwarten. Es reicht, ein bis zwei Mal wöchentlich in einem „Bericht aus Berlin“ zusammenzufassen, was die deutsche Politik über das jeweilige Land sagt. Wir werden also in einigen Regionen aus der Tagesaktualität aussteigen. Von den 30 Sprachen denke ich dabei an etwa 23, die wichtigsten sieben bleiben bei einer 24-Stunden-Aktualität.

promedia: Wann wollen Sie mit dieser Umstrukturierung beginnen, denn dieser Prozess ist doch von der Diskussion, ob Sie mehr oder weniger Geld erhalten, unabhängig?
Erik Bettermann: Ja, deshalb ist es richtig, zunächst diesen Prozess anzustoßen und dann die Frage zu beantworten, was uns das kostet. Nicht der Sparzwang darf der Anstoß zu Veränderungen sein, sondern es sind das veränderte Nutzerverhalten und die veränderten technologischen Möglichkeiten. Unser Rundfunkrat wird bis Mitte März das Konzept abschließend beraten und, wie ich hoffe, auch beschließen. Das läuft parallel zur Bundestagsdebatte über unsere Aufgabenplanung und die Etataufstellung für 2012. Es geht erst einmal um die Kernaufgaben, die Kernregionen, die technischen Plattformen und die zukünftige Ausgestaltung der Deutschen Welle. 2011 und 2012 wollen wir für die Umsetzung dieses Prozesses nutzen. Möglicherweise zieht er sich auch noch bis ins Jahr 2013 hinein.

promedia: In wie vielen Sprachen werden Sie künftig TV-Programm ausstrahlen?
Erik Bettermann: Es werden voraussichtlich sechs Sprachen sein. Neben den vier Sprachen, die wir aktuell im Fernsehen ausstrahlen, kann ich mir zusätzlich Russisch und Chinesisch vorstellen. In China haben wir allerdings seit Jahren erhebliche Zugangsschwierigkeiten zum Markt, und es macht natürlich keinen Sinn etwas aufzubauen, wenn es dort nicht empfangbar ist. Das gilt aber nicht für die Russische Förderation und die Gebiete, in denen die Menschen Russisch verstehen. Beim Fernsehen wollen wir zudem die Regionalisierung stärken. Wir bespielen in Asien momentan zwei Kanäle: einen überwiegend mit deutschen, den anderen mit mehrheitlich englischen Programmanteilen. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Lateinamerika von zwei Stunden Spanisch auf ein TV-Programm mit etwa 16 Stunden täglich in spanischer Sprache umrüsten. Dies können wir durch Umstrukturierungen im Haus leisten, unabhängig davon, ob wir mehr Geld bekommen oder nicht. Voraussetzung ist natürlich, dass sich die angekündigten Etatkürzungen in einem engen Rahmen halten und wir die Kooperation mit ARD-Landesrundfunkanstalten und ZDF weiter intensivieren.

promedia: Der Beschluss der Bundesregierung sieht ausdrücklich vor, die Zusammenarbeit mit ARD und ZDF zu verstärken. Das ist nicht neu…
Erik Bettermann: Das ist schon seit einigen Jahren meine Forderung. Es hat sich auch vieles verändert in dieser Zeit, sowohl beim Fernsehen als auch beim Hörfunk. Die Anzahl der Beiträge und Produktionen, die wir von den anderen öffentlich-rechtlichen Sendern übernehmen können, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Es gibt manche kleine Haken und Ösen im alltäglichen Geschäft, aber die Bereitschaft von ARD und ZDF, uns zu unterstützen, ist deutlich gestiegen. Um noch mehr zu erreichen, ist eine Verständigung zwischen Bund und Ländern erforderlich. Ich hoffe, dass wir 2011 diesen politischen Konsens zwischen Bund und Ländern erreichen. Im Übrigen spricht die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zu unserer Aufgabenplanung auch von „anderen Partnern“, was private Produktionsfirmen wie „Spiegel-TV“ und kommerzielle Sender bedeutet. Das wäre ein interessanter zweiter Schritt.

promedia: Würde das eine kostenlose Bereitstellung dieser Inhalte für Sie bedeuten?
Erik Bettermann: Das wäre ideal, ist aber wegen der Rechteabgeltung nicht so einfach. BBC World hat hier einen unschätzbaren Vorteil, weil es mit BBC Domestics über eine starke Muttergesellschaft verfügt.  Das ist in Deutschland aufgrund der föderalen Ordnung nicht so einfach. Ich kann mir aber vorstellen, dass wir in Kooperation mit ARD und  ZDF eine hochwertige Bespielung eines deutschsprachigen Kanals erreichen können, die für uns finanzierbar ist.

promedia: Im Beschluss der Bundesregierung wurden drei Kernaufgaben für die Deutsche Welle genannt: Sprache, Kultur und Wertevermittlung. Sie haben sich in der Vergangenheit immer dafür eingesetzt, dass das Programm indirekt Wegbereiter für die deutsche Wirtschaft sein soll. Ist damit Schluss?
Erik Bettermann: Die Deutsche Welle ist natürlich nicht die PR-Agentur der deutschen Wirtschaft. Aber wenn wir ein positives Deutschlandbild entwickeln, unterstützen wir indirekt auch die Anstrengungen der Wirtschaft. Die Stellungnahme des Bundeskabinetts widerspricht dem nicht, wenn dort gefordert wird, wir sollten uns auf Nachrichten, Bildung und Kultur konzentrieren. In Afrika senden wir zum Beispiel das sehr erfolgreiche Programm „Learning by ear“, ein Bildungsprogramm im Hörfunk für junge Menschen zwischen zehn und 20 Jahren. Es geht einerseits um gesellschaftliche Wertevermittlung, andererseits um praktische Themen, die junge Menschen betreffen, wie Gesundheit, Partizipationund Gleichberechtigung. In vielen unserer Angebote geht es auch weiterhin darum, Deutschland als Kulturnation im weitesten Sinn dieses Begriffs darzustellen. Auch diese – durchaus kritische – kulturelle Selbstdarstellung öffnet Türen für die deutsche Wirtschaft.

promedia: Die Deutsche Welle ist in Berlin und Bonn vertreten. Wird es bei diesen beiden Standorten bleiben?
Erik Bettermann: Im Zeitalter der technischen Kommunikation ist es durchaus möglich, über die 600 Kilometer hinweg Abstimmungsprozesse zu organisieren. Dass ein Standort einfacherer wäre, will ich nicht bestreiten. Aber ich habe kein Interesse und niemand hat die Absicht, die Standortdebatte zusätzlich zum Umstrukturierungsprozess zu führen.

Artikel in der promedia 2/2011
Weitere Informationen: promedia

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