Stadtgespräch oder Lob der Nähe. promedia-Artikel von Bodo Hombach, Geschäftsführer WAZ-Mediengruppe

Ein Buchtitel nennt Journalisten die „Souffleure der Mediengesellschaft“. Im Deutschen hat das einen Ruch von „einflüstern, vorsagen, manipulieren“ der öffentlichen Meinung. Das französische „souffler“ bedeutet jedoch „atmen“. Der Journalist ist also ein guter „Atmer“. Er saugt die Umgebungsluft in seine Lunge, er nimmt sie auf in seinen Stoffwechsel und filtert die verbrauchten Anteile heraus. Er atmet mit der Gesellschaft, in der er lebt. Er kennt ihre Gerüche, hat die wichtigen Themen in der Nase und diese im Wind. Die Atemluft der Gesellschaft formt er um in Wörter und Sätze, in Reportagen, Interviews, Kommentare.

Bodo Hombach
Bodo Hombach

Stuttgart zum Beispiel. Die Debatte um Partei- und Politikverdruss kennen wir seit Jahren. Aber eine Delegitimation von Institutionen und Verfahren ist uns Deutschen recht neu.
Vor diesem Panorama ist Stuttgart erst einmal nur Stuttgart. Die Zukunft der Nation wird nicht dort im Schlossgarten entschieden. Die repräsentative Demokratie steht nicht vor dem Aus, und das bundesdeutsche Gemeinwesen hat schon ganz andere Krisen überlebt.
Und doch kommt mir ein Verdacht: Spielen die Stuttgarter wirklich verrückt oder vielleicht nur ein ganz anderes Stück? Sind es vielleicht die Planfeststeller, Sachzwängler und erschrockenen Volksvertreter, die da etwas noch nicht kapiert haben? Sind da vielleicht einfach nur brave Leute, die es genauer wissen wollen? Droht nun der Stillstand oder gilt nicht eher das Gegenteil?

Es bewegt sich was in Deutschland, auf der Straße, in den Leserbriefspalten, im Stadtgespräch. „Jetzt red i!“, sagt der eben noch verdrossene Bürger und meldet sich vernehmlich zu Wort. In den Wahlkabinen bekommen Feudaldemokraten eine Quittung nach der anderen. Auch die Sarrazin-Debatte hat außersarrazin’sche Ursachen, wo sie ein konkretes Unbehagen artikuliert, das die Meinungsführer schon zu lange wegtheoretisieren.
Von der Hand mit dem ausgestreckten Finger zeigen einige auch auf  Redakteure und Journalisten. Eine kleine Dosis Gewissenserforschung kann nicht schaden. Ahnen wir nicht, dass auch uns der Bürger abhanden kommt? Haben wir denn nachgefragt, wenn immer mehr Staat weite Teile der Gesellschaft besetzte, wenn er regelte, was Bürger selber regeln können, wenn er bevormundete, wo Bürger selber den Mund aufmachen können? Mit welchem Recht nennen wir unsere Produkte „Bürgerzeitung“, wenn uns die Bürger davonlaufen? Weil wir Politikern, Wirtschafts-, Gewerkschafts- und Kirchenführern in die Falle gingen. Weil wir ihre Designer-Statements ungeprüft übernommen haben. Weil wir gern mit den Würdenträgern in der ersten Reihe saßen. Weil wir das Volk buchstäblich hinter uns ließen.
Wer vorne sitzt, hört schlecht, was hinter ihm gesprochen wird, und er hört gar nicht, was geflüstert wird. Gehören Journalisten in die erste Reihe? Ich denke nicht. Redaktionen sind eben nicht Gewalt im Staat, sondern Wächter, Kritiker und Enthüller. Ihr Platz ist die Volksversammlung, und zurzeit bekommen sie dort Erstaunliches zu hören.
Die Leute wollen sagen, was ist. Sie wollen mehr Demokratie wagen. Sie sind die süßen Placebos leid und legen den Finger auf die Wunde: Fehlende Kommunikation, Hinterzimmer-Demokratie, mangelnde Transparenz, Entfremdung zwischen Zivilgesellschaft und politischem System. Und es gibt ein Wort, das sie nicht mehr akzeptieren: „alternativlos“.

Unsere eher von Hiobsbotschaften geprägten Zeitungen und Sendungen kollidieren mit der Wahrnehmung der Leute und verfehlen mit ihren Themen deren ganz anders gewichtete Charts. Unser starrer Blick auf die „Mantelteile“ vernebelt die Erkenntnis, dass die Leser vor allem anderen einen guten Lokal- und Regionalteil ihrer Zeitung wünschen. Sie tun es in jeder neuen Befragung und mit dem Trotz eines ungezogenen Kindes.
Hier sollten Journalisten und Redakteure hellwach werden. Sie sollten in sich gehen und ihre Maßstäbe und Wahrnehmungen überprüfen. Sie sollten vor die Tür treten und sich intensiv umschauen. Die Bürger sind dabei, sich den Nahbereich zurückzuerobern. Wo sind die Journalisten, die diese Chance sehen und ergreifen?
Die Bürger wollen die Politik zurückerobern. Die Politik muss die Bürger gewinnen. Das kann nur vor Ort beginnen. Die Rekonstruktion unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts steht auf der Tagesordnung. Das ist der große Auftrag an den bürgernahen Journalismus vor Ort. Sachlich informieren. Moderieren, Abwägen, aber auch Mobilisieren und Partei ergreifen. Nicht für eine Partei, sondern für Bürgerinteressen.
Dabei wollen die Leser nicht nur Begleitung. Sie suchen auch Orientierung, denn sie leben in einer Welt mitwachsender Unübersichtlichkeit.

Wer heute einigermaßen mithalten will, muss gegenüber allen früheren Epochen ein ungeheures Maß an Informationen verarbeiten, neue Techniken erlernen und Handgriffe üben. Das aktuelle Geschehen erscheint vielen chaotisch. Zwischen Ereignis und medialer Umsetzung lagen früher Wochen, Tage, wenigstens eine Nacht, in der etwas sacken konnte, hinterfragt, eingeordnet, bewertet, bevor es dann am Morgen in der Zeitung stand. Satellit und Internet lassen diesen Abstand gegen Null schrumpfen. Das heißt aber: Die medial vermittelte Wirklichkeit ist inzwischen fast so chaotisch wie die Wirklichkeit selbst.
Auch hier ist der Lokaljournalist gefragt wie noch nie. Er kann das kommunikative Klima des Stadtgesprächs enorm beeinflussen. Er kann helfen, die Komplexität der Themen herunterzubrechen, ohne sie schrecklich zu vereinfachen. Er kann sie in die Sprache der Leser übersetzen, ihre Auswirkungen auf deren Lebenswirklichkeit beschreiben, er kann Kriterien suchen, Gründe und Argumente. Der lokale Journalist hat die Wirklichkeitskontakte, die anderen fehlen. Seine Wirklichkeitsbegegnung ist sein Wissensschatz. Er muss realitätssüchtig sein, damit die Zeitung wird, was sie sein muss: Verstehensversuch für freie Bürger. Die zunehmende Entrücktheit der Politik darf nicht Entfremdung werden. Das wäre ein Angriff auf die Demokratie.
Ein wohlverstandener Lokaljournalismus begleitet nicht nur und hilft bei der Orientierung in einer unübersichtlichen Welt, er weckt, vermehrt und fördert durch seine Arbeit den lokalen Sektor überhaupt. Er hat eine aktive Rolle beim Ausbau oder Wiederaufbau des kommunalen Handlungsspielraumes.

Der erkennbar gewachsenen Bereitschaft zur Bürgerinitiative bei den Ausgeschlafenen steht eine breite Gruppe gegenüber, die sich noch eher lethargisch verhält. Deren „kommunalpolitische Muskeln“ sind quasi atrophiert, durch die schleichende Entpolitisierung des Nahweltbereichs, durch eine fast schon rituelle Schmerzvermeidung, d.h. Verzicht lokaler Politiker auf lebendige Kontroversen um wichtige Konzepte. Gefördert gewiss auch durch die fiskalische Aushöhlung der Handlungsfähigkeit kommunaler Parlamente. Die Ohne-mich-Fraktion verteidigt ihre Interessen nur noch an der Wohnzimmertür und nicht an der vorderen Linie von Marktplatz und Rathaus.
Wer also bereit ist, einen Prozess zu fördern und zu begleiten, der den Nahbereich wieder nach vorne bringt, ist modern wie schon lange nicht mehr.
„Kein Missverständnis:“, schrieb Reinhard Mohr jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, „Demokratie heißt Kompromiss, aber vor ihm steht die offene Auseinandersetzung, der Widerstreit der Argumente, vor allem aber die Freiheit, ohne Angst seine Meinung sagen zu dürfen, laut und deutlich, gern auch scharf, pointiert, polemisch und sarkastisch. Die Möglichkeit, zu irren, eingeschlossen.“ Diesen Raum müssen lokale Medien bieten. Das Netz erweitert das zum „Markt- und Debattenplatz“.
Dies alles ist nicht für lau zu haben. Echte Reportagen und kritische Berichte brauchen Zeit, Kraft und Ausdauer. Sie werden sorgfältig ermittelt und geschrieben, und sie haben deshalb eine ordentliche Halbwertszeit. Schund, Luftblasen und Geschrei drängen sich auf. Eine gute Recherche, eine stichhaltige Enthüllung, eine gründliche Analyse muss man sich besorgen wie ein Wertobjekt. Und so ist eine gute Zeitung auch ein hartes Geschäft.

Wer keine Gebühren kassieren kann, muss sich durch Umsatz über Wasser halten. So einfach ist das und so schwer. Die enorme Ausfaltung der elektronischen Medien, ihre grenzenlosen Verbreitungswege und ihr scheinbar kostenloses Angebot stellen alle Klassiker der Branche vor nie gekannte Herausforderungen. Abonnenten sagen „Tschö!“ und Inserenten brechen weg. Da gibt’s nur eins: Besser und stärker werden. Wir müssen Leistung bieten und Qualität. Wir wollen die neuen Entwicklungen heute mitgestalten, um nicht morgen ihre Opfer zu sein. Wir müssen die Kernaufgaben professionell schultern, aber auch findig und pfiffig die Randbereiche erkunden. Wir müssen täglich eine geliebte Gewohnheit zurücklassen und ein neues Fenster aufstoßen, mindestens eines. Und wir müssen auch sparen.
Aber wie wird man trotz Sparens besser und stärker? Meine Antwort klingt fast zynisch, aber sie lautet: Wir können durch Sparen besser und stärker werden.
Vermeidung von Doppelarbeit, Synergie und Kooperation heißt das Stichwort für die Redaktionen. Für den Verlag heißt es Verschlankung, Effizienz und Modernisierung.
Jede Veränderung der Organisation, der Technik, der internen Kommunikation muss am Ende zum Vorteil der Leser sein. Wenn das nicht gelingt, gehen sie davon, still und leise. Und wir stehen da mit unseren schönen Theorien und Statistiken, mit unseren Blättern oder iPads, und der Letzte macht das Licht aus.

Autor: Bodo Hombach, Geschäftsführer WAZ-Mediengruppe

Über Bodo Hombach

  • Geboren: 19. August 1952
  • 1973-1978 Studium Sozialarbeit; Tätigkeit für die Gewerkschaft GEW
  • 1990-1998 NRW-Landtagsabgeordneter der SPD
  • 1998 NRW-Wirtschaftsminister
  • Oktober 1998 Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts
  • Juli 1999 „Special Coordinator of the Stability Pact for South-East Europe“ der NATO
  • Seit Februar 2002 Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe

Weitere Informationen: promedia

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