Goldmedia-Preis für Medienwirtschaft an Dr. Stefanie Müller. Systematisierung von Störquellen in zeithistorischen Videos

03.04.2019. Goldmedia hat im März 2018 zum dritten Mal den Preis für innovative Abschlussarbeiten im Bereich Medienwirtschaft vergeben. Wir fördern mit dem Goldmedia-Preis medienwirtschaftliche Forschungsthemen und deren Publikation. Viele Themen der Abschlussarbeiten sind höchst aktuell und von großer gesellschaftlicher Relevanz. Im Goldmedia-Blog möchten wir daher in den nächsten Wochen einige Preisträger und ihre Abschlussarbeiten vorstellen.

Goldmedia hat in diesem Jahr drei erste Preise verliehen und zehn weitere Arbeiten mit einer Urkunde gewürdigt.

Ein erster Preis geht an Dr. Stefanie Müller: Systematisierung und Identifizierung von Störquellen und Störerscheinungen in zeithistorischen Videodokumenten am Beispiel digitalisierter Videobestände sächsischer Lokalfernsehsender

  • Dissertation, 2018, Technische Universität Chemnitz
Dr. Stefanie Müller, Preisträgerin Goldmedia-Preis für innovative Abschlussarbeiten im Bereich Medienwirtschaft 2018
Dr. Stefanie Müller, Preisträgerin Goldmedia-Preis für innovative Abschlussarbeiten im Bereich Medienwirtschaft 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Viel Zeit bleibt dem analogen Material nicht mehr, bevor es unwiederbringlich verloren geht.“ Dr. Stefanie Müller im Kurzinterview

Wir wollten von Dr. Stefanie Müller wissen, warum sie sich gerade mit diesem Thema beschäftigt hat, was die größten Herausforderungen während des Schreibens waren und welche Ergebnisse sie am meisten überrascht haben.

Was waren die Gründe, gerade dieses Thema zu wählen?

Die Idee für meine Themenwahl entspringt den Vorarbeiten meiner Kollegen. An der Professur Medieninformatik beschäftigte man sich bereits seit 2007 mit dem drängenden Thema der Digitalisierung und Analyse analoger audiovisueller Bestände. Dabei ging es in diversen Forschungsprojekten nicht nur um die reine Datenerhaltung von wertvollem, kulturhistorischem Erbe, sondern auch um eine komfortable Suche innerhalb dieser Datenbestände durch Annotation und Retrieval und somit die Generierung von Metadaten, wie bspw. Sprach-, Sprecher- oder Objekterkennung. Zudem wurde audiovisuelles Material von sächsischen privaten Fernsehveranstaltern aus den Jahren 1991 bis 1996 digitalisiert, verschlagwortet, durch Wort- und Bilderkennung eingeordnet, mit Metadaten angereichert und für eine Langzeitspeicherung vorbereitet. Nach und nach wurde deutlich, dass für Archivierungs- und Weiterverarbeitungszwecke ebenso das automatisierte Auffinden von analogen und digitalen Bildfehlern wünschenswert wäre. Bis dato existierte allerdings nur die Möglichkeit, sich das gesamte Videomaterial von vorn bis hinten anzuschauen und ggf. händisch Einträge vorzunehmen. Und das dauert einfach viel zu lange, wenn man bedenkt, dass eine Sekunde Video üblicherweise aus 25 Bildern pro Sekunde besteht und sich in jedem Bild ein oder mehrere Bildfehler verstecken können. Mein Ziel als gelernte Medientechnikerin war es daher, ein Verfahren zu entwickeln, welches dem Betrachter, wie bspw. einem Archivar, diese Arbeit abnimmt und es ihm auf einen Blick ermöglicht, die  Qualität des Digitalisats einzuschätzen und so brauchbar von unbrauchbar zu unterscheiden.

Was war die größte Herausforderung bei der Beschäftigung mit dem Thema?

Die größte Herausforderung war sicherlich, dass sich bisher niemand diesem Thema angenommen hat und es entsprechend wenig Fachliteratur dazu gibt und ich daher überhaupt erst einmal Grundlagen schaffen musste. Die Literaturlage ist einerseits im allgemeinen VHS- und SVHS-Kontext gesehen sehr undurchsichtig, vielseitig und größtenteils veraltet, andererseits aber im relevanten und speziellen wissenschaftlichen Kontext auch schnell erschöpfend. Wenn es um die Beschreibung visuell
wahrnehmbarer Störungen geht, nimmt die Literaturvielfalt dramatisch ab. Es gibt nahezu keine aktuellen Veröffentlichungen zu dem Thema der Bildstörungen im Kontext von analogem Videomaterial. Sucht man ganz speziell nach der Systematisierung von Fehlern, bleiben nur noch 2 Autoren übrig. Schnell wurde deutlich, dass zwar eine Reihe an deutschen und englischen Fachbegriffen existieren, aber man dazu unterschiedliche Bedeutungen findet. Es waren also nahezu keine eindeutigen und übereinstimmenden Beschreibungen aufzufinden.
Ebenso ersichtlich wurde, dass nur noch wenige erfahrene Experten die komplexen Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung analoger Videotechnik sicher herstellen können und dass dieses Wissen aufgrund von Technikobsoleszenz und Pensionierung ehemaliger Technikspezialisten zunehmend verlorengeht.

Was ist das wichtigste oder überraschendste Ergebnis Ihrer Arbeit?

Tatsächlich überrascht hat mich die Tatsache, dass einige Hersteller von VHS-Kassetten heutzutage nicht mehr zu wissen scheinen, dass sie diese vor einigen Jahren noch produziert haben. Ich hatte bei einer Firma um technische Daten gebeten und ein vermutlich jüngerer Mitarbeiter antwortete mir, dass die Firma diese Kassetten nicht herstellt oder hergestellt habe und er mir daher nicht weiterhelfen kann. Ich glaube, er war letzten Endes auch überrascht, als ich ihm ein Foto der betreffenden Kassette mit Markenname präsentierte… Es war für mich also generell überraschend, dass diesem Thema so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde und das, obwohl in den 1990er Jahren fast jeder Haushalt seine Erinnerungen mit der VHS-Technik festgehalten hat. Und auch die Archive lokaler und nationaler Fernsehsender müssen sich Gedanken machen, wie sie die alten Überlieferungen auf dem empfindlichen Magnetband für die Zukunft sichern, denn viel Zeit bleibt dem analogen Material nicht mehr, bevor es unwiederbringlich verloren geht.

Kurzbeschreibung der Dissertation „Systematisierung und Identifizierung von Störquellen und Störerscheinungen in zeithistorischen Videodokumenten am Beispiel digitalisierter Videobestände sächsischer Lokalfernsehsender“ (Autorin: Dr. Stefanie Müller)

Das zunehmende Aussterben des VHS- und SVHS-Systems sowie weiterer magnetbandbasierter Videosysteme zwingt lokale sächsische Fernsehsender zu einer raschen Digitalisierung großer Mengen analoger Videobänder. Die darauf befindlichen Aufnahmen stellen wichtige Zeitzeugnisse aus der Wendezeit dar und dokumentieren die Herausforderungen, welchen sich die ostdeutschen Bürger nach dem Wechsel von einem sozialistischen zu einem marktwirtschaftlichen System gegenübersahen. Oftmals ist diese Massendigitalisierung nur von einer generellen Sicherung ohne optimierende Maßnahmen geprägt, sodass qualitative Mängel erst nach der Digitalisierung aufwändig manuell retuschiert werden können. Hierzu ist zunächst ein Überblick über qualitativ gute und schlechte Sequenzen wünschenswert. Bislang existieren jedoch keine Verfahren für eine
automatisierte Qualitätsanalyse von Digitalisaten analoger Archivbestände. Gespräche mit
Landesarchiven zeigen den enormen Bedarf hierfür auf.

An dieser Stelle setzt der in der vorliegenden Arbeit vorgestellte Ansatz für eine automatisierte Erkennung und Klassifikation von Störerscheinungen an. Anhand einer extensiven Literaturrecherche und Materialanalyse werden mögliche Störquellen und Störerscheinungen erstmals theoretisch identifiziert und systematisiert. Dabei wird die vage, t.w. überlappende und z.T. auch widersprüchliche Terminologie von über 800 Begrifflichkeiten eingeordnet und neu definiert. Die Erkenntnisse werden durch Tabellen und Abbildungen ergänzt, sodass eine bisher nicht existente Übersicht über die diskutierten Phänomene präsentiert werden kann.

Zudem wird erstmals ein Vorschlag für ein geeignetes Verfahren für deren automatisierte Detektion und Darstellung evaluiert. Die vorgestellte Methode wird mit Hilfe der im Deep Learning üblichen CNN umgesetzt und beinhaltet die Generierung von Datensätzen, das Training des Systems sowie die Klassifikation der zuvor systematisierten Phänomene.

Zusätzlich wird eine innovative und nutzerfreundliche Darstellung präsentiert, welche es erlaubt, brauchbares und unbrauchbares Videomaterial ohne vertiefte Kenntnisse über Störerscheinungen oder Künstliche Neuronale Netze und ohne Zeitaufwand auf einen Blick zu unterscheiden und semantische Strukturen zu erkennen. Die vorgestellte Methode arbeitet ressourcenschonend und stellt eine Personal-, Zeit- und Kostenersparnis für den Anwender dar. Darüber hinaus lässt sich die Methode auf andere Videoformate adaptieren und auf große Datenbestände erweitern und kann somit die Archivarbeit um ein Vielfaches unterstützen und beschleunigen.

Exposé zur Dissertation mit vielen Abbildungen

Publiziert im Universitätsverlag Chemnitz 2018
Wissenschaftliche Schriftenreihe
Dissertationen der Medieninformatik , Band 8, Prof. Dr. Maximilian Eibl (Hrsg.)

Goldmedia-Preis für innovative Abschlussarbeiten im Bereich Medienwirtschaft – Informationen

Bewerben konnten sich alle Absolventinnen und Absolventen, die im Jahr 2018 oder im Vorjahr ihren Abschluss erreicht haben. Die Ausschreibung war offen für deutsch- und englischsprachige Arbeiten aus unterschiedlichen Fachrichtungen (u.a. Publizistik, Kommunikationswissenschaft, Medienwirtschaft, Medienmanagement, Medienrecht, BWL, VWL, Informationswissenschaft, Medieninformatik). Einsendeschluss war der 30. September 2018. Der Preis ist mit insgesamt 1.500,00 Euro dotiert und wurde in diesem Jahr auf drei Preisträgerinnen und Preisträger zur je 500,00 Euro verteilt. Aufgrund der Vielzahl und des hohen Niveaus der eingereichten Abschlussarbeiten wurden weitere 10 Arbeiten mit einer Urkunde gewürdigt. Alle Informationen: www.goldmedia.com/preis

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