Deutschland ist doch ein Pay-TV-Land. Gastkommentar von Mathias Birkel bei kress.de

Es ist schon interessant: In kaum einem anderen Land in Europa wird so viel Geld für Fernsehen ausgegeben wie in Deutschland, aber wir nennen es nicht Pay-TV! So wird seit 20 Jahren behauptet, Deutschland sei „kein Pay-TV-Land“. Und stets wird dabei argumentiert, dass die Deutschen nur wenig bis gar kein Interesse an entgeltpflichtigen TV-Programmen hätten, weil sie seit Einführung des Privatfernsehens eine breite Palette an Free-TV-Sendern sehen können.

Mathias Birkel
Mathias Birkel

Doch die Realität ist eine andere: Selbst wenn man von der obligatorischen Rundfunkgebühr absieht, zahlen fast die Hälfte (45,6 Prozent laut SES Astra 2011) der deutschen TV-Haushalte direkt oder indirekt Geld: für ihren Kabelanschluss. Was in Amerika die „basic cable fee“ ist (und als Pay-TV gilt), versteckt sich in Deutschland häufig in den Mietnebenkosten und wird nicht weiter beachtet. Auch die inzwischen mehr als 1,6 Mio. IPTV-Nutzer – in erster Linie „Entertain“-Kunden der Deutschen Telekom – zahlen eine Grundgebühr für ihren Fernsehanschluss. Der IPTV-Anschluss wird aber ebenfalls gemeinhin nicht als Pay-TV verstanden, schließlich empfängt man hier doch zunächst nur die „Free-TV“-Kanäle.

Und Abonnenten für „richtige“ Premium-Pay-TV-Angebote (also pay cable)? Seit 2001 haben sich die Kundenzahlen von 2,1 Millionen auf inzwischen rund 5,4 Millionen Haushalte in Deutschland mehr als verdoppelt. Damit zahlt bereits fast jeder achte deutsche Haushalt regelmäßig Geld für Pay-TV-Programme – zusätzlich zu den Gebühren für die Öffentlich-Rechtlichen. Allein 2011 wuchs die Zahl der Pay-Abonnenten in Deutschland um rund 15 Prozent!

Neu in der Phalanx der Pay-TV-Anbieter ist die Astra-Tochter HD+ mit ihrer gleichnamigen Satellitenplattform. HD+ gelang es, seit 2010 mehr als 400.000 zahlungswillige Kunden zu gewinnen. Für eine „Servicepauschale“ von 50 Euro pro Jahr erhalten diese zwölf HD-Programme – allesamt hochaufgelöste Versionen bisheriger „Free-TV“-Angebote. Man sei, so heißt es bei Astra, selbst überrascht von der hohen Abschlussrate und hatte mit deutlich weniger zahlenden Abonnenten gerechnet.

Von einer mangelnden Zahlungsbereitschaft für qualitativ ansprechende Angebote (und sei es nur für eine höhere Bildqualität) kann also offenbar keine Rede sein. Natürlich stellen 50 Euro im Jahr keine Unsummen dar, doch auch im Hochpreissegment bewegt sich der Markt merklich: Allein Marktführer Sky konnte 2011 bei monatlichen Paketpreisen ab 16,90 Euro (und bis weit über 60 Euro) rund 350.000 Neukunden gewinnen.

Das Pay-Modell bietet Vorteile: Die Zuschauer erhalten zumeist hochwertige, vielfältige Inhalte, und die Sender erzielen klar kalkulierbare Erlöse. Das ermöglicht oftmals Sender, welche im Werbemarkt nur wenige Chancen hätten. Der Wechsel von MTV ins Bezahllager unterstreicht diesen Trend.

Ganz so schlecht, wie es immer wieder zu lesen ist, scheint es um die deutsche Zahlungsbereitschaft in puncto Fernsehen nicht bestellt zu sein. Zumindest dann, wenn man das Kind auch mal beim Namen nennt: Bezahlfernsehen ist dann, wenn der Nutzer fürs Fernsehen zahlt! Und das tun weit mehr Deutsche als viele denken.
Mathias Birkel, Senior Consultant Goldmedia GmbH

Mathias Birkel
Senior Consultant Goldmedia GmbH Strategy Consulting

Artikel erschienen bei kress.de

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