„Die Lokalität des Radios ist das A und O des Erfolges“. Interview mit Christophe Montague, Geschäftsführer NRJ Gruppe in der promedia

Radio Energy erhofft sich von DABplus zusätzliche Werbeeinnahmen

Interview mit Christophe Montague, Geschäftsführer Radio Energy Deutschland und internationaler Geschäftsführer der NRJ Gruppe

Christophe Montague, GF Radio Energy
Christophe Montague, GF Radio Energy

RTL II und Radio Energy haben eine weitreichende strategische Partnerschaft geschlossen. Die beiden Medienmarken aus TV und Radio wollen ihre Kräfte bündeln, um gemeinsam Events zu veranstalten und Künstler zu promoten. Der TV-Sender mit großer Musikkompetenz und die internationale Radio-Marke mit hohen Reichweiten in Deutschland haben eine umfassende Zusammenarbeit in den Bereichen Musik und Entertainment vereinbart. Sie umfasst Kooperationen in den Segmenten: Konzerte, Tourneen, Galaveranstaltungen und deren Vermarktung, sowie den Aufbau und die Promotion von Künstlern. Mit über 460 Stationen in 14 Ländern ist Radio Energy eine der größten internationalen Radio-Marken. In Deutschland ist Radio Energy an den Standorten München, Berlin, Hamburg, Nürnberg, Stuttgart, Bremen, Sachsen und Frankfurt/Main on Air.

promedia: Herr Montague, vor einigen Tagen hat Radio Energy eine strategische Partnerschaft mit RTL II geschlossen. Was versprechenSie sich davon?

Christophe Montague: In allen Ländern Europas – mit Ausnahme von Deutschland – gibt es crossmediale Angebote und ein Zusammenarbeiten zwischen Radio- und TV-Sendern, auch mit Internetunternehmen. Es ist offensichtlich, dass das Radio seine Stärke im Morgen- und Tagesablauf hat und TVam Abend. Dass man durch crossmediale Angebote Kampagnen gezielter und effizienter gestalten kann, haben alle anderen Länder Europas erkannt. Das betrifft sowohl den klassischen Bereich als auch die Sonderwerbeformen. In Deutschland sind die Radiomarken regional verankert, nicht national, weswegen sie für nationale Werbeträger nicht relevant sind. Da wir mit Energy über eine Marke verfügen, die eine bundesweite Resonanz hat, haben wir in Deutschland eine einmalige Chance, die keine andere Radiogruppe hat. Wir haben deshalb mit verschiedenen TV-Anstalten über strategische Partnerschaften gesprochen und festgestellt, dass RTL II mit seinem Profil, der Zielgruppe und dem Konsumverhalten seiner Zuschauer, sehr nah an unserem ist. Daher haben wir uns für eine solche Partnerschaft entschieden, die sich vor allem auf Musik und Events bezieht.promedia: Also Sie werben für die Events von RTL II und RTL II bewirbt Ihre Events?
Christophe Montague: Wir gehen Eventkooperationen ein, das heißt nicht nur Werbung, sondern beispielsweise die Vermarktung solcher Events.

promedia: Wie erfolgreich war 2010 für Energy?
Christophe Montague: Wir hatten insgesamt ein sehr erfolgreiches Jahr. Es gab sehr hohe Hörerzuwächse in Deutschland sowie sehr hohe Zuwächse bei den Facebook-Usern und den Web-Zugriffen. Energy hat überall in Europa unglaubliche Zuwächse bei der Hörerzahl sowie den Online-Usernund den Social-Network-Nutzern erreicht. Energy ist eine sehr jugendliche Marke in der Wahrnehmung und eine reifere Marke in der Realität. Aber wir verstehen den Zeitgeist sehr gut und stimmen unsere Inhalte darauf ab.

promedia: Wie entwickeln sich bei dieser positiven Tendenz die Online-Umsätze?
Christophe Montague: Wir haben noch viel zu tun. Wir haben uns bisher zu stark auf den Content fokussiert und zu wenig auf die Vermarktung. Zwar haben wir viele Konzepte mit Partnern erarbeitet und vermarktet, aber die erzielten Stärken noch nicht ausreichend herausgestellt. Es existiert hier ein riesiges Potential, welches wir nächstes Jahr ausschöpfen wollen.

promedia: Energy ist als Marke national verbreitet und damit erfolgreich. Könnte diese Strategie Vorbild für andere Sendergruppen in Deutschland werden?
Christophe Montague: Es wäre wünschenswert, wenn es noch zwei oder drei solcher Gruppen wie uns gäbe, denn dann wäre der Hörfunk noch präsenter in den Köpfen der Werbewirtschaft. Dann würden wir auch im Radio Kampagnen mit nationalen Werbeträgern sehen. Momentan gibt es keine Marke, die auf bundesweiter Ebene hierfür ausreichend attraktiv ist. In Frankreich sind die Marktführer die regionalen Sender. Aber diejenigen, die gegenüber der Werbewirtschaft die Hörfunklandschaft nach vorn treiben, sind die nationalen Radioangebote. In Frankreich gibt es zwei Dutzend nationaler Programme. Diese Möglichkeit, die Frankreich und auch andere Länder Europas haben, führt dazu, dass diese Radiomarken auch im Fernsehen starke Präsenz zeigen.  Das schaffen wir derzeit in Deutschland nicht, aber es ist der erste Schritt in diese Richtung. Wenn ich mit anderen Radiobetreibern in Deutschland spreche, gibt es viele, die es begrüßen, dass Energy diesen Schritt geht, weil es allen helfen würde. Das ist ein gutes Zeichen.

promedia: Stimmt es also nicht mehr, dass Radio ein regionales Medium ist und dort seine Stärken hat?
Christophe Montague: Radio ist weiterhin vorrangig ein regionales und lokales Medium, aber es gibt Potential, dass es ein nationales Medium wird. Ich glaube, dass beide Landschaften parallel laufen können. Auch in Frankreich haben wir sehr starke lokale Fenster als Energy-Gruppe. Wir sind einer der wenigen Radiobetreiber mit lokalen Fenstern, vor allem lokalen Morningshows, weil wir glauben, dass die Lokalität das A und O des Erfolges ist. Wenn wir uns mit unserem Programm nicht an den lokalen Hörer richten würden, hätten wir einen Misserfolg. Es ist für uns ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie.

promedia: Sie werden im Herbst auch über DABplus starten. Was wollen Sie anbieten?
Christophe Montague: Wir werden mit Sicherheit nicht dasselbe Programm anbieten, das wir auch lokal gestalten. In einigen unserer lokalen Morningshows gibt es einen hohen Wortbeitrag. Das nationale Programm wird sich von den
lokalen unterscheiden. Wir wollen die Programme nicht kannibalisieren. Es wird Ergänzungen geben. Wir müssen darauf achten, dass das Angebot attraktiv ist.

promedia: Für die meisten privaten Radios ist DAB zu teuer. Warum lohnt es sich für Sie?
Christophe Montague: Zum ersten Mal haben sich Unternehmen aus der Geräteindustrie für DABplus interessiert. Wenn einerseits der Betrag, den wir investieren müssten, vernünftig ist und auf der anderen Seite Sponsoren bereitstehen, das zu finanzieren, dann ist das Risiko sehr beschränkt. Bei den Sponsoren handelt es sich bei allen um Neukunden. Diese Kunden werden bei den entsprechenden Radiobetreibern Werbung schalten. Die Zielrichtung ist die Refinanzierung.

promedia: Wie sehen Sie generell die Chancen von DABplus auf dem Werbemarkt?
Christophe Montague: Die Chance liegt darin, dass wir innovative Produkte bei DABplus haben. Wenn es nur Produkte sind, die keine Innovation zeigen und nicht als attraktiv betrachtet werden, werden wir keinen Erfolg haben. Ich gehe davon aus, dass alle, die sich beworben haben, innovative Produkte an den Markt bringen wollen. Das wird dazu führen, dass DABplus attraktiv werden kann.

promedia: Sie sind bereits mit elf Web-Radio-Angeboten on Air. Wer hört das?
Christophe Montague: Man muss es differenziert sehen. Es gab letztes Jahr etwa 36 Millionen Web-Sessions. Es gibt
Leute, die unser Programm Online hören, das heißt Energy Berlin hört man im Büro über seinen Computer statt über ein Radiogerät. Es gibt auch Leute, die, weil sie das Bedürfnis nach einem rockigeren oder poplastigeren Programm haben, unsere Web-Streams hören. Das ist eine Möglichkeit, den Geschmack unserer Hörer noch gezielter zu treffen und wir sehen es eher als Vorteil für uns, weil wir neue Hörer akquirieren können.

promedia: Wird es bei diesen Web-Radio-Angeboten trotz DABplus bleiben?
Christophe Montague: Wir können uns gut vorstellen, dass eines dieser DABplus Angebote die Basis dieser Webangebote sein könnte. Das testen wir gerade. Wir haben verschiedene Informationen über das Konsumverhalten unserer Hörer und können damit sehen, welche Angebote gut ankommen würden. Wir würden sowieso parallel unsere
Webangebote behalten.

promedia:Wie wichtig ist Mobile für Sie?
Christophe Montague: Extrem wichtig. Wir haben früher als andere Wettbewerber, in mobile Applikationen investiert – Android, iPhones etc. – weil wir davon ausgehen, dass sich das Hörerverhalten in vielerlei Hinsicht weiterentwickeln wird. Es gibt viele Jugendliche, die kein Radiogerät mehr haben, aber ein iPhone, über das sie uns weiterhin hören. Das ist das Potential unserer Zukunft.

promedia: Eine andere Radiogruppe, die Regiocast, bietet eine App  kostenpflichtig an. Können Sie sich Radioangebote als Paid-Angebote auch vorstellen?
Christophe Montague: Aus heutiger Sicht ist das nicht Bestandteil der Unternehmenskultur von Energy. Wir versuchen derzeit, viele Leute über möglichst viele Plattformen für unsere Programme zu gewinnen und damit unsere Gesamtreichweite zu steigern. Ob es im zweiten Schritt solche Pay-Angebote geben könnte? Ich sehe noch nicht, warum Leute für Radioangebote bezahlen sollten, die sie bisher kostenlos erhalten haben. Daher halte ich es für verfrüht, zumindest für uns.

promedia: Ist es eine Ausnahme, dass für ein Fußballangebot bezahlt wird, weil man damit einen besonders exklusiven Inhalt hat?
Christophe Montague: Dass Fans bereit sind, für Fußballangebote zu bezahlen, ist bekannt. Ein hoher Prozentsatz abonniert Sky nur wegen des Fußballs. Daher kann ich mir vorstellen, dass es eine Bereitschaft gibt, hier auch für mobile Angebote zu bezahlen. Es muss sich aber dann um sehr exklusive Inhalte handeln und die Refinanzierung der Rechte muss auch über die Pay-Einnahmen möglich sein. Ob das bei dem Angebot der Regiocast schon der Fall ist, weiß ich nicht. Ich freue mich aber sehr, dass es auf dem Markt neue Angebote gibt, die erfolgreich laufen.

promedia: Sie sind auch bei sozialen Netzwerken aktiv. Wo liegt der Nutzen für Sie?
Christophe Montague: Kein anderes Medium hat eine so starke Vernetzung mit Social Networks wie das Radio. Für uns sind Social Networks eine Riesenchance, besonders für diejenigen, die sich an Jugendliche wenden. Dadurch haben wir ein Instrument, um Kontakte zu pflegen, aber auch, um neue  Konsumenten zu akquirieren. Wir machen uns täglich Gedanken, wie wir neue Konsumenten erreichen können, welche Diskussionen wir in Social Networks aufbauen können, was wir anbieten müssen. Dass wir in Deutschland 155.000 Facebook-Nutzer erreicht haben, ist ein Zeichen dafür, dass wir innovativ denken. Dabei befinden wir uns noch in der Entwicklungsphase, in der wir viel testen. Das ist eine positive Zukunft für das Radio.

promedia: Warum gehen Sie den Weg über Facebook und schaffen nicht eine Community auf der Energy-Seite?
Christophe Montague: Wir können das Konsumverhalten der Leute nicht steuern. Facebook ist eine Plattform für Kommunikation. Versucht man die Leute von dieser Plattform wegzuziehen, werden wir keinen Erfolg haben.Für eine parallele Plattform hätten wir zudem nicht das Know-how. Das wäre sehr kostenintensiv. Deswegen ist es klüger, auf Kooperationen mit Partnern zu setzen und vielleicht Partner, die noch nicht so erfolgreich sind, zu unterstützen, als selbst seine eigene Plattform zu entwickeln.  Auch bei TV ist das schwierig. Es gibt derzeit mehr Facebook-User als RTL.de-User, denn diese Plattformen werden von den Usern als offene und nicht als kommerzielle Plattformen wahrgenommen.

Übernahme des Artikels mit Genehmigung der promedia

Artikel in der promedia 3/2011
www.promedia-berlin.de

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